Interview mit Ilan Pappe. Interview: Gwenaëlle Lenoir – 28. Mai 2026
Im Gespräch über sein neues Buch zeigt Pappe auf eindrucksvolle Weise die ideologische Kontinuität zwischen den Anfängen des Zionismus und der aktuellen Politik der Regierung Netanjahu im Gazastreifen, im Westjordanland und im gesamten Nahen Osten auf.
Während Israel mit Unterstützung westlicher Regierungen seine mörderischen Aktionen im Gazastreifen, im Westjordanland, im Libanon und in Syrien fortsetzt, veröffentlicht der israelische Historiker Ilan Pappe ein kleines, aufrüttelndes Buch mit dem Titel „Kurze Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts“.
Auf weniger als 200 Seiten fasst der Professor der Universität Exeter in Großbritannien Jahrzehnte der Arbeit der sogenannten „neuen israelischen Historiker“ zusammen – denen er selbst angehört –, die die historische Darstellung des Konflikts zwischen Israel und Palästina neu geschrieben haben.
Ilan Pappe, in Israel als Sohn deutscher Eltern geboren, die aus Nazideutschland geflohen waren, ist durch seine historischen Erkenntnisse zu einem engagierten, antizionistischen Menschen und Verteidiger der Rechte der Palästinenser geworden. Heute leitet er das Europäische Zentrum für Palästina-Studien an der Universität Exeter.
Das Interview, geführt von Gwenaëlle Lenoir für die französische Internet-Zeitung Mediapart, verdeutlicht auf eindrucksvolle Weise die ideologische Kontinuität zwischen den Anfängen des Zionismus und der aktuellen Politik der Regierung Netanjahu im Gazastreifen, im Westjordanland und im gesamten Nahen Osten.
Die Merz-Regierung will neben weiteren Schikanen den Achtstundentag abschaffen. Nun hat der Bundestag dazu zwei Gegenanträge der Grünen und Linken diskutiert, die vor allem realitätsfern sind. Die AfD pocht indes, kaum schlauer, auf deutsches Management der deutschen Ausbeutung.
Nachdem die Merz-Regierung das Sanktionsregime gegen Arbeitslose massiv verschärft hat, geht sie dem Rest der Arbeiterklasse ans Eingemachte. Die soll neben Renten-, Gesundheits- und Wohngeldleistungen auch den Achtstundentag für die Profite des Inlandskapitals opfern.
Kurz bevor Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas einen Gesetzentwurf dazu vorlegen will, debattierte der Bundestag letzten Freitag zwei Anträge aus der Opposition dazu: ein Papier der Grünen, das eher einer Fantasiewelt zu entspringen scheint, und eins der Linken, das System-Widersprüche verdeutlicht, an denen auch sie nicht vorbeikommen.
Merz-Plan: Rechtlos schuften bis zum Umfallen
Acht Stunden an fünf Tagen in der Woche arbeiten: Die gemeinhin praktizierte 40-Stunden-Arbeitswoche war tatsächlich nie in einem deutschen Gesetz verankert. Dort gilt der Samstag noch immer als Arbeitstag, die Sechstagewoche als Standard. Auch die sich daraus ergebene 48-Stunden-Woche ist mit Ausnahmen versehen. So können Unternehmen Beschäftigte zum Beispiel auch zehn, in einzelnen Bereichen sogar zwölf Stunden täglich arbeiten lassen, sofern sie innerhalb von sechs Monaten einen Ausgleich bieten.
Dies weiter aufzuweichen, haben die Unionsparteien CDU und CSU zur Bedingung für eine Koalition mit der SPD gemacht. Die Bundesregierung plant, dass die 48-Stunden-Arbeitswoche künftig bloß im Durchschnitt eines Jahres gelten soll. Verbindlich wären danach nur noch Mindestruhezeiten zwischen den Arbeitstagen von elf, in Ausnahmefällen nur zehn Stunden, sowie von einmal pro Woche 24 Stunden. In der Konsequenz heißt das, dass Unternehmen ihre Beschäftigten beispielsweise ein halbes Jahr lang an sechs Tagen pro Woche je 13 Stunden lang schuften lassen könnten, wenn sie es im darauffolgenden Halbjahr ausgleichen.
Damit orientiert sich die Bundesregierung an einer EU-Richtlinie. Diese sieht zwar einen Ausgleich der Mehrarbeit über 48 Wochenstunden hinaus innerhalb von vier Monaten vor, erlaubt es aber Mitgliedstaaten, diesen Zeitraum auf sechs bis zwölf Monate zu verlängern. Die Kapitallobby war maßgeblich daran beteiligt, die EU-Mindeststandards so niedrig wie möglich zu setzen. Auch in Deutschland agitiert sie beständig für „mehr Flexibilität”, was nichts weiter als ein Euphemismus für mehr Ausbeutung ist.
Als ehemaliger Aufsichtsratschef des deutschen Ablegers des US-Vermögensverwalters BlackRock hat Bundeskanzler Friedrich Merz nie einen Hehl aus seiner Nähe zu den Kapitalverbänden gemacht. Die SPD hat sich dem wieder einmal unterworfen, um mitregieren zu dürfen. Arbeitsministerin Bärbel Bas will einen entsprechenden Gesetzentwurf im Juni vorlegen.
Nachdem die USA Europa den Rücken kehren, will Frankreich seinen Atomschirm auf andere europäische Länder ausdehnen. Bisher scheinen Polen und Norwegen das Angebot angenommen zu haben und Polen übt mit Frankreich bereits Atomangriffe auf Russland. Warum der französische Atomschirm gefährlicher als der amerikanische ist.
Nachdem die USA Europa in der Sicherheitspolitik den Rücken kehren, hat in der EU die Diskussion darüber begonnen, wie die EU atomar geschützt werden kann. Frankreich ist das einzige Land in der EU, das über Atomwaffen verfügt, weshalb Präsident Macron eine Chance sah, Frankreichs Einfluss innerhalb der EU zu erhöhen, indem es sich als atomare Schutzmacht der EU positioniert.
Parallel dazu hat Macron auch verkündet, dass Frankreich die Zahl seiner Atomsprengköpfe von derzeit geschätzt etwa 300 erhöhen werde, wobei er nicht erklärte, wie viele Sprengköpfe das künftige Ziel Frankreichs sind.
Im März 2026 verkündete Macron eine strategische Kooperation mit europäischen Partnern, darunter Deutschland, Polen, Niederlande, Griechenland, Dänemark, Belgien und Schweden. Gerade erst ist auch Norwegen dieser Initiative beigetreten. Neben einem gemeinsamen Frühwarnsystem und Entwicklung neuer Raketen sollen diese Länder künftig an gemeinsamen Übungen teilnehmen können. Auch die Stationierung französischer Kernwaffen in diesen Staaten sei in der Zukunft möglich.
In einer gemeinsamen Erklärung verkündeten Präsident Macron und Bundeskanzler Merz die Gründung einer deutsch-französischen Lenkungsgruppe zur strategischen Zusammenarbeit bei der atomaren Abschreckung. Allerdings waren das erst einmal nur Erklärungen über eine Zusammenarbeit und wenn man die Konkurrenz zwischen Deutschland und Frankreich um Einfluss in der EU bedenkt, dürfte die Idee gerade bei Deutschland noch vor vielen Stolpersteinen stehen.
Anders ist es bei Polen, das die französischen Atomwaffen geradezu herbeisehnt.
Seit Ende März bestreitet der Westen nicht mehr, dass ukrainische Drohnen für Angriffe auf Russland den Luftraum von NATO-Staaten nutzen. Nach Wochen ohne Protest dagegen, begannen die baltischen Staaten Anfang Mai in Kiew dagegen zu protestieren, während NATO und EU Russland die Schuld dafür geben.
Ende März begannen auch westliche Medien zu berichten, was man auf dem Anti-Spiegel schon seit letztem Sommer erfahren konnte, nämlich, dass ukrainische Drohnen für Angriffe auf den Nordwesten Russlands den Luftraum der baltischen Staaten nutzen. Im Sommer wurde die russische Raffinerie in Ust-Luga nahe der estnischen Grenze mit Drohnen angegriffen und beschädigt. Und just in der Nacht wurden aus dem Baltikum Drohnensichtungen gemeldet, die exakt entlang des Kurses lagen, den Drohnen aus der Ukraine dabei nehmen müssten. Eine der Drohnen ist dabei in Estland abgestürzt.
Die ukrainischen Drohnen nutzen dabei nicht nur den Luftraum der Baltenstaaten, sondern auch den finnischen Luftraum. Und um die Baltenstaaten und Finnland überhaupt erreichen zu können, müssen sie auch den polnischen Luftraum durchfliegen. Das passiert schon sehr lange (nach meinen Informationen schon seit mindestens Sommer 2024), was bedeutet, dass diese Staaten de facto Kriegsparteien im Krieg gegen Russland sind, wenn sie ihren Luftraum für Angriffe auf Russland zur Verfügung stellen.
Russland hat diese Provokation, wie so viele andere auch, nicht an die große Glocke gehängt, weshalb außer Insidern niemand davon wusste. Das änderte sich Anfang März, als westliche Medien und Politiker das selbst offen zugegeben haben.
Zwar haben die Baltenstaaten und Finnland daraufhin halbherzig erklärt, sie hätten der Ukraine nicht erlaubt, ihre Lufträume für Angriffe auf Russland zu nutzen, aber sie haben die ukrainischen Drohnen weiterhin fast sechs Wochen lang vollkommen unbehelligt über ihre Länder nach Russland fliegen lassen.
Das änderte sich Anfang Mai. Über die Gründe dafür kann man spekulieren, dazu kommen wir am Ende dieses Artikels. Zunächst will zum Verständnis die Entwicklungen seit Anfang Mai zusammenfassen.
Während Washington und Tel Aviv den Iran von Süden her unter Druck setzen, entwickelt sich das Kaspische Meer zur nördlichen Lebensader eines eurasischen Versorgungsnetzes, das sich außerhalb des Einflussbereichs des Westens erstreckt.
Der militärische Druck auf den Iran ging schon immer vom Süden aus. US-Stützpunkte umringen den Persischen Golf, der israelische Geheimdienst sondiert die Region von Aserbaidschan aus und darüber hinaus, und Washingtons Seemacht nutzt die engen Wasserstraßen rund um den Iran seit langem als Druckmittel.
Doch je stärker die Achse USA–Israel auf den Golf drängt, desto mehr verlagert sich Teherans strategische Tiefe nach Norden, über ein geschlossenes Gewässer, das westliche Strategen nicht ohne Weiteres beherrschen können.
Das Kaspische Meer ist nun von Bedeutung, weil es dem Iran und Russland etwas bietet, das beide Staaten dringend benötigen: eine direkte, politisch kontrollierte Route außerhalb der Reichweite feindlicher Landkorridore.
Der Handel über Land muss durch Staaten führen, die entweder mit Washington verbündet sind oder nicht bereit sind, sekundären Druck seitens der USA zu riskieren. Das Kaspische Meer hingegen verbindet die beiden Länder ohne einen Gatekeeper durch Dritte.
Schiffe können zwar immer noch von Drohnen und Raketen getroffen werden, doch um sie zu erreichen, ist ein weitaus tieferes Eindringen in den iranischen Luftraum erforderlich, was die Gefahr einer Konfrontation mit Russland birgt. Kurzfristig bietet das Kaspische Meer Teheran eine zuverlässige Versorgungsroute. Langfristig könnte es die Integration zwischen Iran und Russland vertiefen und zu einer zentralen Route werden, die Russland mit Westasien, Indien und der übrigen Welt verbindet.
Am 26. Mai flog das israelische Militär mehr als 120 Luftangriffe auf den Libanon – die stärkste Eskalation an einem einzelnen Tag, seitdem Israel Anfang März seine Bombardierungen des Landes wieder aufgenommen hat. Laut dem libanesischen Gesundheitsministerium wurden bei den Angriffen im gesamten Süden sowie im Bekaa-Tal mindestens 31 Menschen getötet und 40 verwundet.
Die anhaltende Zerstörung des Libanon erfolgt im Rahmen des Irankriegs, den die USA und Israel am 28. Februar begonnen haben. Während sich die US-Medien auf die Bedingungen der Verhandlungen mit dem Iran konzentrieren, weitet Israel seine Massenmord- und Annexions-Kampagne im Libanon aus. Die Bombardierungen sind eine Ausweitung des Angriffs auf die gesamte Region, der im Oktober 2023 mit dem Völkermord in Gaza seinen Anfang nahm.
Bei einem nächtlichen Angriff auf Burj al-Shamali töteten israelische Streitkräfte 14 Menschen, darunter zwei Kinder und drei Frauen. In Mashghara im Bekaa-Tal wurden bei israelischen Angriffen elf Menschen getötet, darunter eine Frau und zwei Kinder. In Kawthariyat al-Ruz töteten sie fünf Menschen, in Habboush weitere vier, darunter jeweils zwei Kinder.
Laut dem libanesischen Gesundheitsministerium wurden seit Wiederaufnahme der israelischen Bombardements auf das Land am 2. März insgesamt 3.213 Menschen getötet und 9.737 verwundet. Die Weltgesundheitsorganisation verzeichnete 608 Tote im Libanon seit Inkrafttreten des Waffenstillstands am 16. April.
Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte am Dienstag vor seinem Sicherheitskabinett: „Die IDF operieren mit starken Bodenstreitkräften und besetzen dominantes Gelände. Wir befestigen den Sicherheitsstreifen, um die nördlichen Gemeinden zu schützen.“
Am Montag veröffentlichte Netanjahu ein Video, in dem er erklärte: „Wir befinden uns im Krieg mit der Hisbollah. Wir nehmen den Fuß nicht vom Gaspedal. Im Gegenteil, ich habe sie [die IDF] angewiesen, noch fester aufs Pedal zu treten.“
Am Dienstag sind israelische Bodentruppen über die sogenannte Gelbe Linie hinaus vorgerückt – eine Pufferzone, die Israel im Süden des libanesischen Staatsgebiets deklariert hat. Ein Sprecher des israelischen Militärs erklärte gegenüber Reuters, das Militär operiere „gezielt jenseits der vorderen Verteidigungslinie im Libanon (…) im Einklang mit den Anweisungen der politischen Führungsebene“.
Die Hisbollah behauptete am Dienstag, sie habe bei 32 separaten Operationen israelische Truppen in Zawtar al-Sharqiya mit Raketen, Artillerie und Sprengstoffdrohnen angegriffen.
Das israelische Militär ordnete in den frühen Morgenstunden des Dienstags die Evakuierung der gesamten Stadt Nabatiyeh an, der zweitgrößten Stadt im Süden des Libanon. Im Verlauf des Tages folgten weitere Evakuierungsbefehle für 21 weitere Städte und Dörfer, darunter Mashghara und Sahmar im Bekaa-Tal und Khirbet Selm, Bir al-Sanasil, Qabrikha, Majdal Selem, Qalawiya, Kfar Dunin, Touline und as-Sawana im Süden.
„Um die Wahrheit zu sagen: … wenn Putin eskaliert – und dazu hat er jetzt die Chance – was bleibt dann von Europa? Nicht viel.“ – Gabrielius Landsbergis, Litauens Ex-Außenminister1
1. Regiert uns „eine Horde Irrsinniger“?
Wenn man manche Publikationen liest, so sähe es aus, als wäre die Zeit stehen geblieben, der Zweite Weltkrieg gerademal vor ein paar Jahren zu Ende gegangen und als befänden wir uns immer noch inmitten des „Kalten Krieges“. Geschichtsvergessen, wie sie sind, beschwören sie die russische Bedrohung, vor der wir uns schützen müssen.
„Zwei katastrophal verlorene Weltkriege hat Deutschland hinter sich“, schrieb Helmut Wolfgang Kahn in seinem trotzigen Buch „Die Russen kommen nicht“ vor siebensundfünfzig Jahren 1969. „Es verlor sie, weil seine Machthaber die Realitäten nicht anerkennen wollten. In den ersten schlitterten die ehrenwerten Herren des Wilhelminischen Reiches mit Kriegszielen, die jeden Wirklichkeitssinn vermissen ließen. Danach wollte man die Niederlage nicht wahrhaben. Die Nazis machten sich daran, die entstandenen Realitäten gewaltsam zu verändern, unterschätzten wieder Deutschlands Umwelt und verloren den zweiten.“2
Und heute? Heute muten uns manche Volksvertreter mit ihren „geistreichen“ Ideen und Ideologemen einiges zu und man fragt sich verwundert, ob sie wie „die ehrenwerten Herren des Wilhelminischen Reiches“ ebenfalls „jeden Wirklichkeitssinn vermissen“ lassen.
Neulich veröffentlichte der CDU-Bundestagabgeordnete, Roderich Kiesewetter, der seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine zur zweifelhaften Berühmtheit geworden ist, zusammen mit seiner Coautorin, Susann Worschech, einen am 11. Mai 2026 im Focus erschienenen Gastbeitrag, der es in sich hat.
Allein der Titel dieser Kampf- und Schmähschrift „Europa muss auf die Kapitulation Russlands hinarbeiten“ spricht Bände und man fragt sich mit Max Weber irritiert: Regiert uns „eine Horde Irrsinniger“?
Pakistan würde sich selbst diskreditieren, sowohl als Staat als auch in Bezug auf seine herrschende Führung, und gleichzeitig seinen nationalen Interessen – so wie sie von den Entscheidungsträgern verstanden werden – immensen Schaden zufügen.
Trump forderte in einem Beitrag in den sozialen Medien, dass Pakistan und eine Reihe anderer mehrheitlich muslimischer Länder aus Dankbarkeit gegenüber den USA gleichzeitig den Abraham-Abkommen beitreten sollten, falls diese ein Friedensabkommen mit dem Iran erzielen. Der pakistanische Verteidigungsminister Khawaja Asif wies dies rundweg zurück, da es mit den „grundlegenden Ideologien“ seines Landes unvereinbar sei, und bekräftigte die langjährige Politik seines Landes, dass eine Anerkennung Israels erst nach der Gründung eines palästinensischen Staates erfolgen könne.
Obwohl Pakistan in der Vergangenheit einige geheimeKontakte zu Israel hatte, gibt es Gründe zu der Annahme, dass Asif die Politik seines Landes zutreffend wiedergegeben hat, womit er Spekulationen, Pakistan könnte bald den Abraham-Abkommen beitreten – wie andere zuvor vermutet hatten –, im Wesentlichen zunichte machte. Abgesehen von dem, was Asif bereits gesagt hat, setzt sich die pakistanische Regierung weltweit für muslimische Anliegen ein, was zum großen Teil darauf zurückzuführen ist, dass es sich um einen Staat handelt, der auf der Grundlage des Islam gegründet wurde.
Daher misst sie der palästinensischen Sache große Bedeutung bei und betrachtet diese praktisch als gleichwertig mit der kaschmirischen. Ein Verzicht auf die erste – selbst wenn Saudi-Arabien dies eines Tages tun sollte – würde daher die langjährige Haltung des Staates gegenüber der zweiten Sache diskreditieren.
In diesem Szenario würde das herrschende Establishment Pakistans (womit das hybride Regime gemeint ist, das sich aus dem mächtigen Militär und den Geheimdiensten zusammensetzt, denen politische Stellvertreter vorstehen) in den Augen vieler seiner Bürger seine Legitimität verlieren, da diese beide Anliegen stark unterstützen, was zu weitreichenden Unruhen führen könnte. Der Staat könnte Demonstrationen leicht niederschlagen, so wie er die PTI-Opposition unter der Führung des inhaftierten ehemaligen Premierministers Imran Khan niedergeschlagen hat, würde dies aber aufgrund des Risikos negativer Berichterstattung im Ausland vermeiden wollen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass eine formelle Anerkennung Israels auch eine stillschweigende Akzeptanz der gewaltsamen Änderung der Grenzen von 1967 mit Palästina durch Israel bedeuten könnte. Das würde Pakistan ebenfalls in Misskredit bringen, da es beharrlich darauf besteht, dass die von den Briten gezogene Durand-Linie, die das ehemalige Britisch-Indien von Afghanistan trennte und das paschtunische Volk spaltete, unantastbar ist. Um es klar zu sagen: Afghanistan kann die Durand-Linie realistisch gesehen nicht mit Gewalt ändern, aber Radikale könnten in diesem Fall aufgrund Pakistans Heuchelei ermutigt werden.
Trotz der aufgeführten Argumente könnten Zyniker argumentieren, dass Pakistans erneute Unterordnung unter die USA seit dem postmodernenPutsch gegen Khan im April 2022 die Wahrscheinlichkeit erheblich erhöht, dass es Israel auch trotz des Schadens anerkennt, den dies den Interessen des pakistanischen Staates zufügen würde. Das ist zwar theoretisch möglich, doch Trump schrieb in seinem Beitrag auch: „Es mag sein, dass der eine oder andere einen Grund hat, dies nicht zu tun, und das wird akzeptiert werden“, sodass Pakistan seine engenBeziehungen zu ihm nutzen könnte, um diesen Druck zu mildern.
Alles in allem ist die Wahrscheinlichkeit, dass Pakistan den Abraham-Abkommen beitritt, ohne dass zuvor ein palästinensischer Staat gegründet wurde, verschwindend gering. Viel wahrscheinlicher ist es, dass das Land gelegentliche geheime Kontakte zu Israel unterhält, während es sich öffentlich weiterhin für die palästinensische Sache einsetzt. Es gibt viele relativ unbedeutendere Länder mit muslimischer Mehrheit, die aus Sicht der USA in letzter Zeit weniger zur Förderung ihrer Interessen beigetragen haben als Pakistan und die stattdessen erfolgreich dazu gedrängt werden könnten, Israel anzuerkennen.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.
Die Exhumierung von Andrij Melnyk und seiner Frau auf einem Friedhof in Luxemburg und das anschließende feierliche Begräbnis der sterblichen Überreste in der Ukraine auf Anordnung des ukrainischen Präsidenten lösten bei vielen Nazi- und Neonazi-Gegnern Entsetzen aus. Wer sich intensiver mit der Shoa beschäftigt hat, weiß um die unehrenvolle Rolle Melnyks.
Melnyk leitete die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die mit Nazi-Deutschland kollaborierte und erheblich an der Gewalt gegen Juden und Polen beteiligt war. Die 1943 aufgestellte 14. Waffen-Grenadier-Division der SS „Galizien“ wurde von Teilen der OUN-M unterstützt.
Scharfe Kritik kommt insbesondere auch aus jüdischen Kreisen. Dabei steht die ukrainische Jüdin Dr. Marta Havryshko nicht im Verdacht, russische Propaganda zu verbreiten. Noch im März 2024 gab sie dem Spiegel ein Podcast-Interview, das mit folgenden Worten eingeleitet wurde:
Was haben der Zweite Weltkrieg und Russlands Krieg gegen die Ukraine gemein? Die Entmenschlichung der Gegner durch sexualisierte Gewalt und Propaganda.
Die Nazis trieben jüdische Frauen nackt und kahl geschoren durch die Straßen und machten sie so zu Zielen öffentlicher Anfeindung und Misshandlung. In russischen Propagandameldungen werden ukrainische Frauen als »Nazi-Schlampen« und »Nazi-Huren« bezeichnet. So rechtfertigt Russland eigene Kriegsverbrechen durch seine eigenen Narrative – und mit ihnen die sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen im Krieg.
Marta Havryshko erforscht, wie sexualisierte Gewalt im Krieg benutzt wird, taktisch und strategisch. Und wie diese Gewalt das Streben nach Gleichberechtigung beeinflusst. Ursprünglich arbeitete sie als Dozentin an der Universität Lwiw und floh nach dem russischen Angriff aus der Ukraine. Momentan lehrt sie als Gastdozentin an der Clark University in Massachusetts. In ihrer Forschung zieht sie Parallelen zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem russischen Krieg gegen ihre Heimat.
»Im Mai 2022 werden Hunderte von Frauen in Mariupol von Russland gefangengenommen. Einige von ihnen können nach einem Jahr befreit werden. Sie schildern die brutale Behandlung durch russische Soldaten«, erzählt sie im Podcast. »Sie erinnern sich an Schläge. Sie erinnern sich an erzwungene Nacktheit und daran, wie russische Soldaten Fotos von nackten ukrainischen Soldatinnen machten.«
Ihre pro-ukrainische Haltung hat sich über die Jahre relativiert. Wer ihre Postings auf Facebook verfolgt, sieht ihre scharfe Kritik an der „Bus-ifizierung“ junger Männer – sprich der gewaltsamen Rekrutierung für die ukrainische Armee und insbesondere auch ihre klare Position gegen die Neonazis in der Ukraine.
Ihre Haltung bezüglich der Exhumierung Melnyks lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die folgenden Texte – Postings und Bilder vom 25. und 26. Mai – wurden mit Havryshkos Einverständnis ihrem Facebook-Profil entnommen und übersetzt. Sie freute sich über meine Anfrage, da sie der Meinung ist, dass die deutschsprachige Öffentlichkeit umfassender darüber informiert werden müsse.
Interview mit Alfred de Zayas. Interview: Zeitgeschehen im Fokus – 27. Mai 2026
Prof. Dr. jur. et phil. Alfred de Zayas ist Völkerrechtler und Historiker und hat sowohl die US-amerikanische als auch die Schweizer Staatsbürgerschaft. Er war von Mai 2012 bis April 2018 Unabhängiger Experte des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen für die Förderung einer demokratischen und gerechten internationalen Ordnung.
Zeitgeschehen im FokusSie spielen in einem politischen Artikel auf das klassische Drama »Antigone« von Sophokles an. Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen dem Inhalt beziehungsweise der Aussage des Dramas und der heutigen Weltpolitik?
Professor Dr. Alfred de Zayas: In der »Antigone« zeigt uns Sophokles, dass das autoritäre Prinzip »dura lex, sed lex«(das Gesetz ist hart, aber es ist eben das Gesetz) überwunden werden muss. Rechtsstaatlichkeit bedeutet nicht blinden Positivismus, sondern aktive Gerechtigkeit. Bereits 50 Jahre vor Christus hat Cicero argumentiert: »summum ius, summa iniuria« – strenge Gesetze und Anordnungen führen zur höchsten Ungerechtigkeit.1
Antigone weigert sich, das brutale und unmenschliche Gesetz König Kreons zu befolgen. Sie wird zum Tode verurteilt und begeht Selbstmord. Kreons Sohn, Haimon, der mit Antigone verlobt war, nimmt sich das Leben. Kreons Frau, Eurydike, kann den Verlust ihres Sohnes nicht ertragen und begeht auch Selbstmord. Kreon steht allein da vor einem Scherbenhaufen. Seine Intransigenz hat sich gerächt.
Man kann also sagen, Antigone führt den Kampf gegen staatliche Willkür.
Genau, das meine ich. Antigone ist ein Archetypus für den Widerstand gegen Ungerechtigkeit. Wir alle haben nicht nur das demokratische Recht, sondern auch die Verpflichtung, gegen staatliche Willkür zu demonstrieren, zu schreiben, zu agieren. Der Totalitarismus in Europa beschleunigt sich rasant, und Menschen, die die Meinungs- und Pressefreiheit umsetzen, werden verfolgt. Die Gerichte schützen sie nicht.