Völkermord ist falsch, wenn die Richtigen ihn begehen

Von Hassan Al Khalaf – 25. Juli 2026

Zwei Jesidinnen, Überlebende eines Genozids, als Kinder vom IS versklavt und misshandelt, verklagten die Täter, ein in Deutschland lebendes Ehepaar. Das Urteil war längst überfällig. Während München die IS-Angehörigen schuldig sprach, müssen IDF-Soldaten in dieser sowie in anderen deutschen Städten keine rechtlichen Konsequenzen für ihre Kriegsverbrechen befürchten.

13. Juli 2026: Es ist ein historischer Tag für alle Jesiden, die aus ihrer Heimat im Irak fliehen mussten und in Deutschland ein neues Zuhause fanden, als der IS 2014 einen andauernden Völkermord an den Jesiden startete. Bei der Religionsgemeinschaft handelt es sich um eine eigenständige Ethnoreligion, die mehrheitlich im Irak und Syrien beheimatet war, bis die Terrormiliz begann, Massaker an ihnen zu verüben. Aktuell leben bis zu 250.000 Jesiden in Deutschland. Ein Großteil von jesidischen Frauen und Kindern kamen im Rahmen des Sonderkontingents des Bundeslandes Baden-Württemberg, aber auch anderer Städte nach Deutschland, wo ihnen Schutz vor dem IS und humanitäre Hilfe geboten werden.

Als der IS die traditionellen Siedlungsgebiete der Jesiden im Nordirak einnahm, stellten sie die kleine Gemeinde vor die Wahl, entweder zum Islam zu konvertieren oder getötet zu werden. Alle Männer, die sich weigerten, wurden erschossen oder enthauptet. Daraufhin warfen die Terroristen sie in Massengräber, die heute noch ausgegraben werden. Dabei galt jeder Junge als Mann, der schon Körperbehaarung aufwies, womit ein Großteil von pubertierenden Jungs systematisch ermordet wurde. Jungen, die für die Terrororganisation noch nicht als Männer galten, wurden aus ihren Familien entrissen mit dem Ziel, sie zu indoktrinieren und Kindersoldaten aus ihnen zu machen.

Einige Überlebende erzählen in ihren Büchern, dass ihre Brüder und Neffen nach der Gehirnwäsche nicht mehr wiederzuerkennen seien. Den Großteil der Überlebenden bilden Jesidinnen, die nach den Massakern an ihren Familien verschleppt und als Sklavinnen verkauft oder sogar verschenkt wurden. Nicht wie Menschen, sondern als Kriegsbeute wurden sie betrachtet. Ältere Frauen wurden ebenfalls getötet und in Massengräbern verscharrt, da die Terrormiliz keine Verwendung für sie war. Zahlreiche Frauen und Mädchen, manche von ihnen hatten gerade erst das Grundschulalter erreicht, wurden auf Sklavenmärkten IS-Kämpfern und Sympathisanten angeboten. Systematische Vergewaltigungen, Misshandlungen und körperliche Gewalt prägten das Kollektivbewusstsein der Überlebenden dieses Völkermordes. Dieser Genozid wurde 2023 im Bundestag als solcher anerkannt.

An diesen Gräueltaten beteiligten sich auch ein irakischer Migrant aus Deutschland sowie seine damals minderjährige Frau, die er kennenlernte, als er 2015 in den Irak zurückkehrte. Auf einem Basar in Mosul kaufte das Paar eines der versklavten Kinder, das sie später in München aufgrund von Vergewaltigung anklagen wird. Zu dem Zeitpunkt war das Mädchen fünf bis sechs Jahre alt. Die Angeklagte soll sich das Mädchen als Brautgabe gewünscht haben. Zwei Jahre später kauften sie sich ein zwölfjähriges Mädchen, das ebenfalls gegen ihren Willen verschleppt wurde. Beide Mädchen, inzwischen Frauen, berichteten von mehrfacher Vergewaltigung durch den Angeklagten, wozu seine Frau ihm Beihilfe geleistet habe, die beiden Opfer schminkte und zur Folter sogar ihre Hände mit heißem Wasser verbrannte. Ihnen wurde verboten, ihre Religion auszuüben, nicht mal ihre Muttersprache Kurdisch durften sie sprechen. Die Jüngere, heute 20 Jahre alt, verlernte infolge des Völkermordes ihre Muttersprache und kann sich nur durch Drittpersonen mit ihrer Mutter verständigen.

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Dissonanzen

Von Moshe Zuckermann – 25. Juli 2026

Bild: Montecruz Foto, CC BY-SA 3.0

Warum Deutsche aus der Fassung geraten, wenn israelische Intellektuelle über die Entwicklung im eigenen Land entsetzt sind und darüber berichten.

Oft wird die Frage gestellt, warum israelische Intellektuelle und Aktivisten nach Deutschland reisen, um ihre kritische Sicht des Zustands in ihrem Land und des Nahostkonflikts einem nichtisraelischen Publikum darzulegen. Die Antwort darauf ist denkbar einfach: Weil sie um ihr Land besorgt sind. Entsprechend treten sie auch in Israel kritisch auf, kämpfen um dessen Emanzipation (und zahlen im heutigen Israel einen nicht geringen öffentlichen Preis dafür). Und weil sie über die Entwicklung im eigenen Land entsetzt sind, mithin die Hoffnung verloren haben, dass die israelische Bevölkerung es noch aus eigener Kraft schafft, den herrschenden Zustand umzuwälzen und den Frieden herbeizuführen, wenden sie sich an Öffentlichkeiten im Ausland, in der fahlen Zuversicht, dass eventuell „von dort“ die „Erlösung“ kommen mag. In Israels politischer Kultur ist dieses Vorgehen der Hinwendung zum Ausland mitnichten ungewöhnlich: Israel war seit seinem Anbeginn ein Land, das offiziell auf Spender und Sponsoren – seien es Juden in aller Welt, seien es geopolitische Schutzmächte, allen voran die USA – zählte.

Interessanter ist indes die Frage, was gewisse Deutsche derart aus der Fassung geraten lässt, wenn die israelischen Intellektuelle und Aktivisten in Deutschland auftreten, dass sie meinen, sie besudeln und mit orchestrierten Schmutzkampagnen verleumden zu dürfen, auf dass deren Aktivität lahmgelegt bzw. völlig delegitimiert wird. Auch darauf ließe sich eine einfache Antwort geben: Weil sie um Israels Wohl besorgt sind und in der massiven Kritik an seiner Politik Antisemitismus gewahren.

So bleibt auch der antizionistische Verein Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost im Visier des deutschen Inlandsgeheimdienstes. Im Verfassungsschutzbericht für 2025 erscheint der Verein dieses Mal sogar groß mit Logo als „gesichert extremistisch“. Der Grund: Er protestiert gegen deutsche Beihilfe für Israels fortgesetzten Massenmord an der Bevölkerung in Palästina. (Hinzufügung der GG-Redaktion)

Diese Antwort ist allerdings verlogen: Denn besagte Deutsche scheren sich für gewöhnlich einen feuchten Kehricht um Israels Wohl; sie wissen kaum, was in diesem Land sich real zuträgt, oft genug haben sie das Land noch nie besucht, und wenn sie sich bequemt haben, es aufzusuchen, haben sie sich von jenen Leuten und Instanzen ins Bild setzen lassen, die sie mit all dem ausgestattet haben, was sie dann in ihrer perfiden Agitation in Deutschland gegen die israelischen Intellektuelle und Aktivisten in Anschlag bringen. Die sie „informiert“ haben, sind auch jene, die die Kritiker Israels im eigenen Land verfolgen bzw. jenes politische Elend generieren, das Gegenstand der jüdischen Kritiker geworden ist. Nicht auszuschließen, dass die deutschen Agitatoren in ihrer Zusammenarbeit mit den jüdischen Gemeinden Deutschlands von der israelischen Botschaft propagandistisch angeleitet, funktionalisiert und – wer weiß? – vielleicht auch von dieser bezahlt werden.

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Trump bereitet Streitkräfte auf „massiven Angriff“ auf den Iran vor

Von Andre Damon – 24. Juli 2026

Ein Flugzeug vom Typ B-1B Lancer der US-Luftwaffe verlässt seine Position, nachdem es während eines Einsatzes über Afghanistan von einem KC-135R Stratotanker betankt wurde [Photo: Master Sgt. Andy Dunaway by U.S. Air Force]

Die Trump-Regierung konzentriert die US-Streitkräfte im Nahen Osten und in Europa, um den Krieg des US-Imperialismus gegen den Iran massiv auszuweiten.

Laut einem am Mittwoch im Wall Street Journal veröffentlichten Artikel „wurden in der vergangenen Woche Spezialeinheiten von ihren US-Stützpunkten aus in die Region entsandt, wie aus Flugverfolgungsdaten und Angaben von US-Beamten hervorgeht. Kampfflugzeugstaffeln wurden im gesamten Nahen Osten stationiert, und Bomber auf Stützpunkten in den USA und Großbritannien befinden sich laut einem der Beamten in höchster Alarmbereitschaft, um die Einsätze zu verstärken.“

Dem Artikel zufolge sind in den letzten Tagen mehr als 150 Sanitäter im Landstuhl Regional Medical Center in Deutschland eingetroffen, dem größten amerikanischen Militärkrankenhaus außerhalb der USA und der ersten Anlaufstelle für im Nahen Osten verwundete Soldaten. Dies ist ein klares Anzeichen dafür, dass sich die Trump-Regierung auf einen erheblichen Anstieg der amerikanischen Opferzahlen vorbereitet.

Langstreckenbomber, darunter auch in Großbritannien stationierte B-1-Maschinen, bereiten sich auf „große Kampfhandlungen“ vor, schrieb das Journal. Ein B-1-Bomber flog am Donnerstag seinen ersten Einsatz im Rahmen der wieder aufgenommenen Bombardements, berichtete Axios.

„Ich erwäge einen massiven Angriff. Größer als je zuvor“, sagte US-Präsident Donald Trump gegenüber Axios. „Ich stehe kurz vor einer Entscheidung. Wir sind dafür bestens gerüstet.“

Der Zweck dieser Aufstockung, so das Journal, bestehe darin, Trump „stärkere militärische Optionen an die Hand zu geben, während er eine Ausweitung des Konflikts gegen den Iran in Erwägung zieht“. Eine Bodeninvasion gehört eindeutig zu den Optionen, die in Betracht gezogen werden.

Am 15. Juli enthüllte das Journal, dass bei einer Sitzung im Lagezentrum des Weißen Hauses die Eroberung „der Insel Charg und von anderen Gebieten entlang der Straße von Hormus unter Einsatz von US-Truppen“ diskutiert wurde. Es gibt weitere potenzielle Ziele, darunter Kernkraftwerke auf dem Berg Kuh-E Kolang und die Einnahme weiterer Inseln in der Straße von Hormus.

Keith Kellogg, ein pensionierter Generalleutnant, der bis zum vergangenen Jahr als Trumps Gesandter für die Ukraine fungiert hatte, sprach sich am Montag bei Fox News für eine Bodeninvasion aus: „Man wird Bodentruppen brauchen, um etwas zu bewirken.“

Ein Versuch der USA, die Meerenge mit Gewalt wieder zu öffnen, wäre ein gewaltiges Unterfangen. Mark Montgomery, ein pensionierter Konteradmiral der US-Marine, erklärte gegenüber der Financial Times in einem am Donnerstag veröffentlichten Artikel, dass es Wochen dauern könnte, in denen pro Nacht 150 bis 200 amerikanische Angriffe durchgeführt werden müssten, um die Fähigkeit des Iran zum Einsatz von Drohnen und Raketen zu schwächen. Die FT zitierte zudem einen maritimen Berater: „Der Iran muss nur einen Tanker treffen, um alle abzuschrecken.“

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Warum bekräftigte Lawrow Russlands Bekenntnis zum „Geist von Anchorage“?

Von Andrew Korybko – 24. Juli 2026

Innenpolitische Gründe und fragwürdige „pragmatische“ Erwägungen sind dafür verantwortlich, dass Russland weiterhin zögert, die Hoffnung aufzugeben, Trump könnte Selenskyj dazu zwingen, sich aus dem Donbass zurückzuziehen.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow bekräftigte bei seinem Treffen mit Marco Rubio am Rande des ASEAN-Außenministergipfels in Manila laut einer Mitteilung seines Ministeriums das Bekenntnis Russlands zum „Geist von Anchorage“. Dies war überraschend, da er erst vor einem Monat schüchtern eingeräumt hatte, dass der „Geist von Anchorage“ der Ukraine lediglich Zeit für die Wiederaufrüstung verschafft habe. Rubio bestritt kurz darauf, dass bei Putins Treffen mit Trump vor fast einem Jahr überhaupt irgendetwas vereinbart worden sei.

Dennoch behauptete ein RT-Autor Ende Mai, Putin habe zugestimmt, einen Waffenstillstand zu erklären, falls Trump Selenskyj zum Rückzug aus dem Donbass zwingen würde – was glaubwürdig ist, da der öffentlich finanzierte Sender RT diesen Teil seines Artikels wahrscheinlich herausgeschnitten hätte, wenn es nicht wahr wäre. Auf jeden Fall fiel Lawrows Erkenntnis, dass Trump Putin mit dem „Spirit of Anchorage“ getäuscht hatte, mit Trumps Strategie der „Eskalation zur Deeskalation“ gegenüber Russland zusammen, zu der auffallenderweise deutlich mehr von den USA unterstützte ukrainische Langstrecken-Drohnenangriffe gehörten.

Anders als zuvor, als die Ziele überwiegend militärischer Natur waren, sind es diesmal Raffinerien und Lagerhäuser, was darauf hindeutet, dass ein „Zermürbungskrieg“ gegen Russland geführt wird. Die Folgen, die dies für die Zivilbevölkerung hat, zielen darauf ab, diese im Vorfeld der nächsten Duma-Wahlen Ende September – den ersten seit Beginn der militärischen SonderOperation – gegen die regierende Partei „Einiges Russland“ aufzubringen. Der Anschein, dass sie möglicherweise weniger als die 49,82 Prozent der Stimmen vom letzten Mal im Jahr 2021 erhalten, würde dann von Russlands Gegnern als Sieg dargestellt werden.

Hier wurde Mitte Mai erläutert, warum ein solches Ergebnis Russland tatsächlich neuen Schwung verleihen könnte, doch der springende Punkt ist, dass diese jüngste Welle von Angriffen politisch motiviert ist – was Selenskyj ausdrücklich deutlich machte, als er Ende Juni seine 40-tägige Einflussoperation ankündigte, die darauf abzielte, Russland zu einem Waffenstillstand zu zwingen. Vor diesem Hintergrund ist Lawrows Treffen mit Rubio und seine Bekräftigung des russischen Bekenntnisses zum „Geist von Anchorage“ zu sehen, obwohl er zuvor beklagt hatte, dass dies der Ukraine lediglich Zeit zur Wiederaufrüstung verschafft habe.

Putin würde es aus offensichtlichen innenpolitischen Gründen vorziehen, wenn „Einiges Russland“ zumindest seinen Stimmenanteil halten könnte, was jedoch möglicherweise nicht geschehen wird, sollte der „Zermürbungskrieg“ andauern – folglich einer der Gründe, warum er Lawrow damit beauftragte, Rubio an dessen Bekenntnis zum „Geist von Anchorage“ zu erinnern. Obwohl viele „nicht-russische Pro-Russen“ (NRPR) regelmäßig Lawrows Bonmot wiederholen, dass der Westen „unfähig zu Einigungen“ sei – und zwar so sehr, dass dies mittlerweile zu seiner „Visitenkarte“ geworden ist –, glaubt er das offensichtlich selbst nicht.

Tatsächlich glauben er und sein Chef nach wie vor ganz klar, dass der „Geist von Anchorage“ die einzige realistische Formel zur Beendigung des Stellvertreterkrieg in der Ukraine ist – was der zweite Grund dafür ist, warum sie gerade Russlands Bekenntnis dazu bekräftigt haben. Auch dies dürfte viele NRPRs zutiefst enttäuschen, die beispielsweise immer noch glauben, Putin wolle Odessa einnehmen. Und schließlich ist der letzte Grund, weshalb Putin Lawrow damit beauftragt hat, Trump an den „Geist von Anchorage“ zu erinnern, dass der US-Präsident einen Ausweg hat, falls er angesichts des möglichen Scheiterns seiner neuen Strategie ungeduldig werden sollte.

Fasst man alles zusammen: Trotz der verspäteten Erkenntnis Lawrows (und vermutlich auch Putins), dass der „Spirit of Anchorage“ der Ukraine lediglich Zeit zur Wiederbewaffnung verschafft hat, halten sie aus innenpolitischen und fragwürdigen „pragmatischen“ Gründen weiterhin daran fest – und diese Überlegungen dürften viele NRPRs verärgern. Russland glaubt nach wie vor aufrichtig, dass Trump Selenskyj eines Tages dazu zwingen könnte, sich aus dem Donbass zurückzuziehen, wofür Putin im Gegenzug einen Waffenstillstand erklären würde. Ob dies jemals geschehen wird oder nur eine Illusion ist, bleibt abzuwarten.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.]

Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.

Ukraine: Selenskyj ernennt neuen Oberbefehlshaber inmitten intensivierten Drohnenkriegs gegen Russland

Von Clara Weiss – 24. Juli 2026

Nachdem die Entlassung des ukrainischen Verteidigungsministers Mychailo Fedorow tagelange Proteste ausgelöst hatte, entließ Präsident Wolodymyr Selenskyj am Dienstag auch Fedorows größten Rivalen, Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj. Als Nachfolger ernannte er Mychailo Drapatyj, der als Verbündeter Fedorows gilt. Fedorow begrüßte Drapatyjs Ernennung als „frischen Wind“, der „neue Hoffnung“ bringe.

Mit Drapatyj hat Selenskyj bereits zum zweiten Mal in etwas mehr als zwei Jahren einen neuen Oberbefehlshaber ernannt. Anfang 2024 hatte er Walerij Saluschnyj entlassen, einen Bewunderer des ukrainischen Faschisten Stepan Bandera, der sowohl in der rechtsextremen Szene des Landes als auch in Washington, Berlin und London hervorragend vernetzt war. Saluschnyj ist mittlerweile ukrainischer Botschafter im Vereinigten Königreich.

Saluschnyjs Nachfolger Syrskyj wurde von Selenskyj nach tagelangen Protesten in Kiew und anderen großen Städten der Ukraine entlassen, die von Pro-Kriegs-Veteranen und Teilen des Kleinbürgertums dominiert waren. Syrskyjs Absetzung war eine der Hauptforderungen der Demonstranten. Zudem ist so gut wie sicher, dass führende NATO-Vertreter diese Forderung hinter verschlossenen Türen erhoben haben. Der Guardian schrieb, Fedorows Entlassung habe europäische Regierungsvertreter „aufgeschreckt“. Sie stieß zudem auf Kritik einflussreicher ukrainischer Politiker wie Witali Klitschko, der eine wichtige Rolle bei dem vom Westen unterstützten Putsch in Kiew 2014 gespielt hatte. Laut der Financial Times hatte Selenskyj versucht, Fedorow zu überzeugen, seinem Kabinett in anderer Funktion erneut beizutreten. Bislang hat Fedorow diese Vorschläge jedoch abgelehnt und beharrt darauf, nur als Verteidigungsminister zurückzukehren.

Im Konflikt zwischen Fedorow und Syrskyj stellten sich die westlichen Medien eindeutig auf Fedorows Seite. Der Guardian, die Financial Times und andere stellten Syrskyj als Vertreter der „alten Garde“ innerhalb des ukrainischen Militärs dar, dessen Methoden und Vorstellungen von Kriegsführung noch aus Sowjetzeiten stammen. Der 35-jährige Fedorow hingegen wurde von der New York Times als „Mastermind der ukrainischen Drohnenkriegsführung“ gefeiert. Die New York Times deutete an, der Konflikt zwischen Syrskyj und Fedorow sei eskaliert, nachdem Letzterer den Kauf von Artilleriemunition zugunsten von Drohnen unterband.

Drapatyj gilt allgemein als Befürworter von Fedorows Art der Kriegsführung, die auf den zunehmenden Einsatz von Langstreckendrohnen setzt, um Infrastruktur und zivile Ziele tief im russischen Staatsgebiet anzugreifen.

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Beihilfe zum Angriffskrieg

Von German-Foreign-Policy – 24. Juli 2026

Die USA nutzen für die Verstärkung ihrer Luftwaffenpräsenz in Mittelost zur Ausweitung des Irankriegs erneut Infrastruktur in Deutschland. Dass Berlin derlei zulässt, erfüllt laut Juristen den Tatbestand der Beihilfe zum Angriffskrieg.

Bei der Verstärkung der US-Luftwaffenpräsenz in Mittelost zur Vorbereitung einer Ausweitung des Angriffskriegs gegen Iran nutzen die US-Streitkräfte erneut militärische Infrastruktur in Deutschland. So werden, ganz wie schon vor Kriegsbeginn und in den ersten 40 Kriegstagen, Kampfjets und Truppen über die U.S. Air Base Ramstein auf die Arabische Halbinsel verlegt, wo sie sich für die angekündigte verstärkte Angriffswelle bereithalten. Auch die U.S. Air Base Spangdahlem ist involviert; Kampfjets vom Typ F-16, die dort stationiert sind, wurden in der vergangenen Woche in das Aufmarschgebiet in Mittelost verlegt. Sie waren erst vor einigen Wochen von ihrem dortigen Kriegseinsatz zurückgekommen. Von hoher Bedeutung ist zudem das US-Militärlazarett in Landstuhl; es ist das größte seiner Art weltweit. In den vergangenen Tagen wurden knapp ein Dutzend teilweise schwer verletzte US-Militärs zur Behandlung dorthin gebracht. Die Zahl der Sanitäter in dem Krankenhaus wurde zudem zuletzt um mehr als 150 aufgestockt – in Erwartung eines Anstiegs der Opferzahl. Für die Ausweitung des illegalen Angriffskriegs kündigt US-Präsident Donald Trump Kriegsverbrechen an. Berlin leistet Beihilfe.

Ramstein

Wie üblich verwenden die US-Streitkräfte die US-Militärinfrastruktur in Deutschland in großem Umfang für ihre aktuelle Truppenverstärkung im Iran. Ständig genutzt wird etwa die U.S. Air Base Ramstein unweit Kaiserslautern [1], der größte Stützpunkt der US-Luftwaffe außerhalb der Vereinigten Staaten, auf dem das Hauptquartier der US-Luftstreitkräfte für Europa und Afrika seinen Sitz hat. In Ramstein befindet sich unter anderem eine Satelliten-Relaisstation, die immer wieder Schlagzeilen machte, weil über sie US-Drohneneinsätze nicht nur in Afrika, sondern auch im Nahen und Mittleren Osten gesteuert werden. Auch für andere Einsätze werden Daten über Ramstein geleitet – nicht zuletzt für den Irankrieg.[2] Für diesen dient Ramstein kontinuierlich auch als Logistik-Hub. Kurz nach Kriegsbeginn wurden Militärflugzeuge aus Spanien, die von dort aus nicht in den Krieg starten durften – Spaniens Regierung hatte dies untersagt –, nach Ramstein gebracht: Berlin hat, anders als Madrid, keinerlei Einwände gegen deren Beteiligung am Angriffskrieg gegen Iran. Zuletzt landete am Mittwoch ein Relaisflugzeug E-11A BACN in Ramstein; es kam zuvor von der Warner Robins Air Force Base im US-Bundesstaat Georgia und flog weiter in Richtung Mittelost.[3] Das Flugzeug koordiniert Kampfjets und Bomber live, während sie Luftangriffe fliegen.

Spangdahlem

Eine wichtige Rolle bei der aktuellen Verstärkung der US-Luftwaffenpräsenz im Mittleren Osten zwecks Vorbereitung einer umfassenden Ausweitung des Angriffskriegs spielt auch die U.S. Air Base Spangdahlem in der Eifel. In der vergangenen Woche wurden dort stationierte US-Kampfjets vom Typ F-16 in den Mittleren Osten verlegt.[4] Außerdem flogen Jets des Typs F-35 vom britischen Luftwaffenstützpunkt Lakenheath im Nordosten von Cambridge in die Großregion, ebenso weitere F-16-Jets von der U.S. Air Base Aviano nordöstlich von Venedig.[5] Die in Spangdahlem fest stationierten F-16 waren erst vor wenigen Wochen von ihrem Einsatz aus dem Kriegsgebiet zurückgekehrt; es handelt sich um Flugzeuge, die darauf spezialisiert sind, die feindliche Flugabwehr auszuschalten. Dass Kampfjets von allen drei US-Luftwaffeneinheiten in Europa in bemerkenswerter Zahl auf die Arabische Halbinsel verlegt würden, sei ungewöhnlich, wird David Deptula, ein pensionierter Generalleutnant der US-Luftwaffe und Dekan des Mitchell Institute for Aerospace Studies, einer Denkfabrik zu Luftwaffenthemen in Washington, in der US-Streitkräftezeitung Stars and Stripes zitiert.[6] Deptula weist aber auch darauf hin, dass die US-Luftwaffe gegen Ende des Kalten Kriegs nicht drei, sondern neun Einheiten in Europa unterhalten habe – ein Beleg für den langfristigen Rückgang ihrer militärischen Stärke.

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Das Schreckgespenst des „KI-Kommunismus“: Chinas offene KI-Modelle und die Krise der amerikanischen KI-Blase

Von Evan Blake – 24. Juli 2026

Pünktlich zur Weltkonferenz für Künstliche Intelligenz in Shanghai hat China zwei KI-Modelle veröffentlicht, die mit den fortschrittlichsten amerikanischen Systemen mithalten können. Dieser Schritt löste Panik in Washington und im Silicon Valley aus und zeigt, wie anfällig die Spekulationsblase ist, auf der der gesamte amerikanische Aktienmarkt mittlerweile beruht.

Am Donnerstag, einen Tag vor Beginn der Konferenz, stellte das Pekinger Unternehmen Moonshot AI das Modell „Kimi K3“ vor. Laut dem Wall Street Journal, dem wichtigsten Sprachrohr des amerikanischen Finanzkapitals, habe Kimi K3 „die globalen Märkte erschüttert“ und werde „zu den weltweit besten Modellen gezählt“. Drei Tage später stellte Alibaba das Modell „Qwen 3.8 Max“ vor und behauptete, es übertreffe Kimi K3.

„Chinas führendes KI-Event sendet Botschaft an die USA: Wir holen euch ein“, titelte das Journal aus Shanghai. Tarun Chhabra, Leiter der Abteilung für nationale Sicherheitspolitik beim amerikanischen KI-Konzern Anthropic, sagte erst letzte Woche, dass der Vorsprung der USA 12 bis 18 Monate betragen hätte, wenn chinesische Unternehmen ihre Modelle nicht anhand der amerikanischen Systeme trainiert hätten. Der Vorsprung lässt sich nun in Wochen messen: Nur Claude Fable 5 und GPT-5.6 Sol, die im Juni und Juli veröffentlicht wurden, rangieren noch vor Kimi K3.

Auslöser der Krise ist die Tatsache, dass die neuen Modelle offen zugänglich sind. Beide sind sogenannte „Open-Weight-Modelle“: Moonshot wird bis zum 27. Juli die vollständigen Gewichte, d.h. die trainierten Parameter von Kimi K3 veröffentlichen, Alibaba verspricht dasselbe. Sobald die Modellgewichte veröffentlicht sind, kann jeder sie herunterladen, prüfen, modifizieren und auf seiner eigenen Hardware ausführen, ohne den amerikanischen KI-Konzernen etwas schuldig zu sein.

Das ganze Ziel der amerikanischen KI-Industrie bestand darin, diese Technologie zu monetarisieren und zu monopolisieren. Die KI-Unternehmen haben Hunderte Milliarden investiert und Billionen für Rechenzentren veranschlagt in der Annahme, dass KI-Spitzentechnologie ein knappes, monopolisiertes Gut bleibt, aus dem eine Handvoll Unternehmen Gewinne abschöpft. Wenn die hochwertigsten KI-Modelle frei reproduziert werden können, wird ihr Preis notwendigerweise auf die Grundkosten für den Strom und das Silizium sinken, die für ihren Betrieb benötigt werden. Was sich in Luft auflöst, ist die Rendite – und genau diese Rendite ist das Einzige, was die Bewertung von OpenAI und Anthropic stützt, die beide einen Börsengang vorbereiten.

Wie das WSJ schreibt, beruhte der Boom in erster Linie auf dem Vertrauen der Investoren, dass die amerikanischen Unternehmen ihren Vorsprung an der Spitze halten würden. Das habe auch dazu beigetragen, die hohen Ausgaben von Billionen Dollar für die Infrastruktur zu rechtfertigen, so das Journal. Doch das gesamte Konstrukt ist unrentabel. Nach Zahlen, die aus Unternehmensunterlagen bei der US-Börsenaufsicht und Gewinnberichten zusammengestellt wurden, haben die großen amerikanischen Technologieunternehmen rund 1,4 Billionen Dollar in KI investiert. Die kumulierten Einnahmen liegen nur bei etwa 700 Milliarden Dollar. Nvidia, das die Hardware verkauft, die die anderen nutzen, schreibt schwarze Zahlen.

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Pakistans Vermittlungsbemühungen zwischen den USA und dem Iran waren alles andere als selbstlos

Von Andrew Korybko 23. Juli 2026

Genau wie viele vermutet hatten, handelte es sich bei dieser Vermittlung letztendlich doch nicht um einen selbstlosen diplomatischen Dienst für den Frieden in der Region. Sie waren lediglich ein Versuch, ein Rettungspaket in Höhe von mehreren Milliarden Dollar zu erhalten

Reuters berichtete, dass „Pakistan nach Vermittlung bei den Iran-Gesprächen zehn Milliarden Dollar von den USA fordert“, was seine Vermittlungsbemühungen zwischen den USA und dem Iran als nichts anderes als einen Versuch darstellte, ein Rettungspaket zu erhalten. Bis zu diesem Zeitpunkt priesen Pakistan und seine Medienvertreter die genannten Bemühungen als angeblichen Beweis für die geostrategische Bedeutung des Landes an und gingen sogar so weit zu behaupten, dass sie eine Ära globaler Bedeutung für das Land einläuten würden. Nun hat sich herausgestellt, dass diese Darstellungen eine Mischung aus Wunschdenken und Propaganda waren.

Zwar ist Pakistans Lage in der Tat strategisch wichtig, da das Land als „Reißverschluss der paneurasischen Integration“ dienen könnte, doch wird diese potenzielle Funktion weder durch die Vermittlung zwischen den USA und dem Iran gefördert, noch steht die Art und Weise, wie sie als Katalysator regionaler multipolarer Prozesse im Einklang mit den US-Interessen konzipiert wurde, im Einklang damit. Die einzige integrationsfördernde Rolle, die die USA für Pakistan anstreben, ist jene, die den westlichen Einfluss in der Region ausweitet, etwa durch die Erleichterung des Zustroms von Waffen und Terroristen nach Afghanistan auf Kosten Russlands.

Die pro-amerikanische De-facto-Militärdiktatur des Landes, die nach dem postmodernen Putsch vom April 2022 gegen den ehemaligen multipolaren Premierminister Imran Khan an die Macht kam, ist mehr als bereit, diesem Wunsch nachzukommen, zumal sich ihre jeweiligen Interessen in Afghanistan nun mit denen der USA decken. Trump hat davon gesprochen, US-Truppen auf den Luftwaffenstützpunkt Bagram zurückzubringen. Doch die regierenden Taliban, gegen die Pakistan bereits seit fast einem halben Jahr inoffiziell Krieg führt, lehnen dies ab – läge dies doch im Interesse der pro-amerikanischen Militärdiktatur in Islamabad, die das Land destabilisieren will.

Nach der Entlarvung der Halbwahrheit über Pakistans angebliche geostrategische ist es nun an der Zeit, die merkantilistische Denkweise seiner Führung zu erörtern. The Intercept berichtete im Jahr 2023, dass Pakistan heimlich zugestimmt habe, die Ukraine zu bewaffnen – zu einer Zeit, als der militärisch-industrielle Komplex des Westens gerade erst begann, die Produktion hochzufahren –, im Austausch für Hilfe bei der Sicherung eines IWF-Rettungspakets in Höhe von sechs Milliarden Dollar. Es gibt also einen Präzedenzfall dafür, dass Pakistan den USA im Gegenzug für ein direktes Rettungspaket einen diplomatischen Gefallen erweist.

Hier wurde erläutert, wie das von Pakistan vermittelte Memorandum of Understanding (MoU) den Iran schrittweise und innerhalb gewisser Grenzen wieder in die von den USA angeführte westliche Ordnung zurückführen wird – was damals wahrscheinlich ausgereicht hätte, damit die USA Pakistan mit einem Zehn-Milliarden-Dollar-Rettungspaket belohnen. Die Wiederaufnahme der Feindseligkeiten durch die USA könnte jedoch dazu führen, dass Washington dieses Quid-pro-quo überdenkt. Pakistan müsste dann entweder den Iran wieder an den Verhandlungstisch bringen, sich auf Seiten der USA an den Feindseligkeiten beteiligen (es ist schließlich ein „wichtiger Nicht-NATO-Verbündeter“ und steht in einem Beistandspakt mit Saudi-Arabien) oder den USA einen anderen Gefallen erweisen.

Um den letzten Punkt näher auszuführen: Dies könnte sehr wohl die Erleichterung des Zustroms weiterer Waffen und Terroristen nach Afghanistan beinhalten, was wiederum Zentralasien destabilisieren und Russland Probleme bereiten könnte. Würde Pakistan dazu aufgefordert, gäbe es keinen Zweifel daran, dass es dem nachkommen würde, da seine pro-amerikanische De-facto-Militärdiktatur das Land wieder in seine historische Rolle als regionaler Stellvertreter der USA zurückgeführt hat. Es ist dementsprechend unvorstellbar, dass Pakistan irgendeine amerikanische Forderung in Bezug auf Russland ablehnen würde. Pakistan ist zudem verzweifelt auf ein weiteres Rettungspaket angewiesen.

Der Iran und Russland sollten daher auf der Hut sein, da zu erwarten ist, dass Pakistan seinem US-Gönner bald auf ihre Kosten einen weiteren Gefallen erweisen wird, den es entweder als selbstlosen diplomatischen Dienst für den regionalen Frieden tarnen oder jegliche Vorwürfe der Unterstützung der Terroristen von ISIS-K in Afghanistan zurückweisen wird, sollte der Kreml solche jemals erheben. Unter dem Strich ist das heutige Pakistan erneut Washingtons regionaler Stellvertreter, dem multipolare Führer wie der Iran und Russland nicht vertrauen sollten. Seine faktische pro-amerikanische Militärdiktatur wird stets Washingtons Befehle befolgen.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.]

Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.

Durch Fehleinschätzungen und Eskalation wächst die Gefahr eines Krieges mit Russland

Von Harald Kujat – 23. Juli 2026

Harald Kujat spricht auf der Veranstaltung Nein zur NATO. Nein zu Trumps
Kriegen
in der GLS Sprachschule in Berlin Prenzlauer Berg. CC BY 2.0.

General a. D. Harald Kujat, ein ausgezeichneter Kenner der militärischen Lage im Krieg in der Ukraine, warnt unermüdlich vor den Gefahren eines drohenden großen Krieges. Kujat weiß wie wenige, wovon er spricht. Er war Generalinspekteur der Bundeswehr (2000 bis 2002) sowie Vorsitzender des NATO-Militärausschusses (2002 bis 2005). (ab)

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt äußerte in einem Interview im Mai 2014: »Zurzeit gibt es leider niemanden, der konstruktive Vorschläge zur Zukunft der Ukraine vorbringt.« Und weiter: »Ich halte nichts davon, einen dritten Weltkrieg herbeizureden, erst recht nicht von Forderungen nach mehr Geld für Rüstung der NATO. Aber die Gefahr, dass sich die Situation verschärft wie im August 1914, wächst von Tag zu Tag« Worte von bestürzender Aktualität.

Die gleiche Sorge brachte der amerikanische Ökonom und ehemalige Wirtschaftsberater beim Aufbau osteuropäischer Marktwirtschaften, Jeffrey Sachs, in zwei offenen Briefen zum Ausdruck. Sachs forderte den Bundekanzler auf, »den offenen Krieg mit Russland zu verhindern«, denn, «wenn wir vom Abgrund des Krieges wegwollen, müssen wir ehrlich sein.« In seinen Briefen hat Sachs konkrete Versäumnisse der deutschen Außenpolitik seit der Wiedervereinigung dargelegt. Dieses Prinzip der absichtsvollen Blindheit: des «Nicht-Hörens» und »Nicht-Sehen-Wollens« und »Nicht-Bedenken-Wollens« müsse überwunden werden.

Weder zum Zeitpunkt des Vorstoßes der russischen  Streitkräfte auf Kiew im Februar 2022 noch danach ist von Seiten der USA und schon gar nicht von den EU-Staaten und Großbritannien ein ernsthafter Versuch unternommen worden, den Krieg zu verhindern noch den Krieg durch einen Verhandlungsfrieden zu beenden. Im Gegenteil, der Krieg ist politisch, finanziell und materiell unterstützt und auf inzwischen mehr als viereinhalb Jahre verlängert worden. Die von Jeffrey Sachs beschriebenen Versäumnisse wirken bis heute in der aktuellen Außenpolitik als Fehleinschätzungen fort. 

Die Ukraine versuchte von Anfang an, NATO-Staaten in den Krieg zu ziehen.

Im Mai 2024 griff die Ukraine die Woronesch-Radarstationen bei Armavir und Orsk des interkontinental-strategischen Frühwarnsystems Russlands, im Juni 2025 die Stützpunkte der interkontinentalstrategischen Bomberflotte in Olenja, Belaja, Djagilewo und Iwanowo-Sewerny an. Die Angriffe waren ohne jede Bedeutung für die Verteidigung der Ukraine und den Verlauf des Krieges: Diese Systeme dienen ausschließlich der nuklearstrategischen Abschreckung Russlands. Die Ukraine hat mit ihren Angriffen vorsätzlich das Risiko einer Fehlkalkulation und eine nukleare Eskalation der beiden nuklearen Supermächte mit unabsehbaren Folgen in Kauf genommen. Ebenso wie beim Vorstoß auf das russische Kernkraftwerk Kursk im August 2024 war es das Ziel der Ukraine, den Krieg auf eine strategische Ebene zu eskalieren, um die NATO an ihrer Seite gegen Russland einzubinden. 

Insbesondere der Angriff auf die strategische Bomberflotte (Operation «Spinnennetz») wurde von westlichen Medien als beispiellos, kühn, genial oder als «Game Changer» gewertet, während das Eskalationspotential und die daraus erwachsenden Gefahren weit über den Ukraine-Krieg hinaus nur vereinzelt thematisiert wurden. Die russische Nukleardoktrin bezeichnet »Handlungen eines Gegners gegen besonders wichtige staatliche oder militärische Einrichtungen der Russischen Föderation, deren Ausfall die Reaktionsmassnahmen der Nuklearstreitkräfte vereiteln würde«, als eine Bedingung für den Nuklearwaffeneinsatz. Im russischen Verständnis gehören zu den «wichtigen militärischen Einrichtungen«vor allem Führungs- und Kommandozentralen, Frühwarnsysteme und strategische Nuklearkräfte.

Ein Beispiel für weitere Versuche, den Ukraine-Krieg zu einem gesamteuropäischen Krieg auszuweiten, hat der ehemalige polnische Präsident, Andrzej Duda, am 3. September 2025 in einem Interview mit dem polnischen Magazin »Do Rzeczy« geschildert. Am 15. November 2022 schlug eine ukrainische Patriot-Rakete auf polnischem Boden ein, die vom Kurs abgekommen war. Auf die Frage, ob man sagen könne, dass Selenskyj Druck ausgeübt hat, damit Polen sofort erklärt, es handele sich um eine russische Rakete, antwortete Duda: »Das kann man so sagen.« Und auf die weitere Frage, ob er das als Versuch gesehen habe, Polen in den Krieg hineinzuziehen, bestätigte dies der ehemalige polnische Präsident: »So habe ich es wahrgenommen.« Er fuhr fort: »Sie versuchen von Anfang an, alle in den Krieg hineinzuziehen. Das ist offensichtlich, es liegt in ihrem Interesse, und am besten wäre es, wenn es ihnen gelingt, NATO-Staaten in den Krieg zu ziehen. Es ist offensichtlich, dass sie nach denen suchen, die aktiv an ihrer Seite gegen die Russen kämpfen würden. Das geschieht seit dem ersten Tag.« 

Die Bundesregierung unterstützt trotz alledem Bemühungen, den für die Aufnahme der Ukraine in die Nordatlantische Allianz notwendigen Konsens bei den Mitgliedstaaten aufzubauen.

Ein europäischer Staat, der Mitglied der Nordatlantischen Allianz werden will, muss von allen Mitgliedstaaten dazu im Konsens eingeladen werden. Voraussetzung für die Mitgliedschaft und damit auch, dass ein Konsens zustande kommt, ist allerdings, ob dieser Staat dafür qualifiziert ist. Für einen NATO-Betritt erfüllt die Ukraine weder die Voraussetzungen noch gibt es einen Konsens, sie dazu einzuladen. Die USA haben die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine sogar ausdrücklich ausgeschlossen. 

Die im Washingtoner Vertrag geforderte demokratische, rechtsstaatliche Staatsordnung mit freien und gleichen Wahlen, den Schutz der Menschenrechte und Minderheitenrechte sowie eine zivile, parlamentarische Kontrolle der Streitkräfte weisen gravierende Defizite auf. Vor allem der Schutz der Menschen- und Minderheitenrechte sowie die auf allen staatlichen Ebenen grassierende Korruption sind mit der Werteordnung der Allianz unvereinbar. 

Ein weiterer Ausschlussgrund ist die Forderung, dass der neue Mitgliedstaat die Sicherheit aller Mitgliedstaaten erhöhen muss. Dies ist nur dann der Fall, wenn der Beitrittskandidat ein stabiles, konfliktfreies Verhältnis zu seinen Nachbarstaaten aufrechterhält und insbesondere keine territorialen Streitpunkte und Minderheitenprobleme bestehen. Die Allianz darf kein potenzielles Kriegsrisiko importieren und damit die Sicherheit ihrer Mitgliedstaaten gefährden. Deshalb gilt heute mehr denn je, was Henry Kissinger 2014 in einem Namensartikel schrieb: »Wenn die Ukraine überleben und gedeihen soll, darf sie nicht der Vorposten der einen Seite gegen die andere sein – sie sollte als Brücke zwischen beiden Seiten fungieren.« Und das in einer europäischen Sicherheits- und Friedensordnung, in der die Ukraine und Russland einen Platz haben.

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Was steckt hinter den jüngsten Zusammenstößen im pakistanisch verwalteten Kaschmir?

Von Andrew Korybko – 23. Juli 2026

Wenn die pakistanischen Behörden den lokalen Demonstranten erlauben würden, sich zu organisieren, und später ihren Forderungen nachkämen, bestünde die Gefahr, dass sowohl die PTI als auch friedliche Aktivisten aus dem von der TTP heimgesuchten Khyber Pakhtunkhwa und dem von der BLA belagerten Belutschistan diesem Beispiel folgen könnten – und die Behörden können nicht zulassen, dass sich ein solcher revolutionärer Eifer festsetzt.

Jeder Jahrestag der Entscheidung Indiens vom 5. August 2019, den besonderen Status, der dem ehemaligen Bundesstaat Jammu und Kaschmir zuvor gewährt worden war, aufzuheben und ihn in zwei Unionsterritorien aufzuteilen, lenkt in der Regel die weltweite Aufmerksamkeit auf den von Indien verwalteten Teil dieses ehemaligen Fürstenstaates. Das wird wahrscheinlich auch in diesem Jahr wieder der Fall sein, doch könnte sich die weltweite Aufmerksamkeit nun zwischen diesem Teil Kaschmirs und dem von Pakistan verwalteten Teil aufteilen, wobei letzterer derzeit von einer Welle der Gewalt heimgesucht wird.

Um eine sehr komplizierte Situation stark zu vereinfachen: Die Behörden haben das „Jammu Kashmir Joint Awami Action Committee“ (JAAC) Anfang Juni als „terroristische Vereinigung“ verboten – im Vorfeld der jüngsten regionalen Protestbewegung, die das Komitee anführen wollte, nachdem es seit seiner Gründung Ende 2023 bereits mehrere Proteste zu verschiedenen Themen organisiert hatte. Bei der jüngsten Protestaktion geht es um die zwölf Sitze im Regionalparlament (mehr als ein Viertel der Sitze), die für kaschmirische Flüchtlinge reserviert sind, die nach 1947 nach Pakistan migrierten und nun außerhalb der Region leben, wie Al Jazeera erläutert.

In ihrem Bericht von Mitte Juli wurde zudem darauf hingewiesen, dass bei Zusammenstößen mit den Behörden bislang mehr als zwei Dutzend Menschen getötet wurden; zudem haben die Behörden seit Anfang Juni den Zugang zum Internet und zum Telefonverkehr stark eingeschränkt. Die World Socialist Web Site veröffentlichte daraufhin hier einen ausführlichen Bericht, der sich sehr kritisch gegenüber den Behörden äußerte. Darin wurde insbesondere erwähnt: „In dem Versuch, die Protestbewegung zu zerschlagen, deren Zentrum Rawalakot ist, haben die Sicherheitskräfte die drittgrößte Stadt von Azad Pakistan praktisch belagert.“

Sie fügten hinzu: „Die Regierung hat verhindert, dass Lebensmittel, Treibstoff und medizinische Hilfsgüter nach Rawalakot gelangen, wo sich Zehntausende einem seit dem 7. Juni andauernden Sitzstreik angeschlossen haben, der aus Trotz gegen die Behörden ins Leben gerufen wurde.“ Angesichts der restriktiven Maßnahmen, die die Behörden als Reaktion auf diese Krise verhängt haben, ist es unmöglich, ihre Behauptungen unabhängig zu überprüfen, doch sie stimmen mit früheren Berichten darüber überein, wie die Behörden in der Regel auf ähnliche Krisen in anderen Teilen des Landes reagieren.

In diesem Zusammenhang haben die als terroristisch eingestufte „Tehreek-i-Taliban Pakistan“ (TTP) und die mit ihr verbündete „Balochistan Liberation Army“ (BLA) in den letzten Jahren zahlreiche Anschläge in Pakistan verübt, die laut Islamabad von Rückzugsgebieten in Afghanistan aus orchestriert werden. Außerdem wirft Islamabad Indien vor, daran beteiligt zu sein. Die Taliban und Indien weisen diese Vorwürfe erwartungsgemäß zurück. Auf jeden Fall kommen die jüngsten Unruhen im pakistanisch verwalteten Kaschmir für die Behörden zu einem ungünstigen Zeitpunkt, und sie könnten bald weltweite Aufmerksamkeit erregen.

Im Gegensatz zu den beiden oben genannten Gruppen will die JAAC dem Rest Pakistans weder ihre Agenda aufzwingen noch sich von ihm abspalten; ihre Hauptziele sind die Bekämpfung der Korruption, die Stärkung der lokalen Demokratie und die Sicherstellung einer stärkeren Unterstützung durch die Zentralregierung für angeschlagene Unternehmen in dieser politisch sensiblen Region. Gerade weil ihre Bewegung ein Ausdruck von Demokratie und Volksmacht ist, reagiert Pakistans de-facto-Militärdiktatur jedoch übertrieben darauf – aus Angst, sie könnte andere Demonstranten an anderen Orten ermutigen.

Beobachter sollten nicht vergessen, dass die radikal pro-amerikanischen Streitkräfte und Geheimdienste die Oppositionspartei PTI des ehemaligen Premierministers Imran Khan brutal verfolgt und ihn aufgrund politischer Vorwürfe inhaftiert haben. Wenn sie der JAAC gestatten, groß angelegte Proteste zu organisieren, und später deren Forderungen nachkommen, besteht die reale Gefahr, dass sowohl die PTI als auch friedliche Aktivisten aus dem von der TTP heimgesuchten Khyber Pakhtunkhwa und dem von der BLA belagerten Belutschistan diesem Beispiel folgen könnten – und die Behörden können nicht zulassen, dass sich ein solcher revolutionärer Eifer festsetzt.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.]

Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.