Von Andrew Korybko – 16. Juni 2026

Nur wenige außerhalb Irans, seiner „Achse des Widerstands“ und deren internationaler Unterstützer hatten es für möglich gehalten, dass das Land dem Schicksal des Iraks, Libyens und Syriens entgehen würde. Doch das Land hat überlebt, angesichts der Voraussetzungen unbestreitbar ein großer und überraschender Sieg.
Viele gingen davon aus, dass Iran mit Beginn des US-israelischen Angriffskriegs denselben Weg einschlagen würde wie der Irak, Libyen und Syrien. Deshalb kann der Ausgang dieses militärischen Konflikts als der größte Überraschungssieg des Jahrhunderts bezeichnet werden. Iran hat Israel nicht zerstört, wie es lange gedroht hatte, und es hat auch keine US-Schiffe versenkt, wie es seine medialen Sprachrohre den Unterstützern immer wieder in Aussicht gestellt hatten. Dennoch wurden beide Angreifer – vor allem Israel – schwer getroffen. Iran hat, wenn natürlich auch geschwächt, dank fünf Faktoren überlebt.
1. Enormes Drohnen- und Raketenarsenal
Iranische Strategen haben schon vor Jahren weitsichtig erkannt, dass die Zukunft der konventionellen Kriegsführung bei weitreichenden und unbemannten Systemen liegt. Sie verstanden auch die Notwendigkeit, einen möglichst autarken militärisch-industriellen Komplex aufzubauen, falls es zu einer Blockade kommen sollte. Deshalb lagerten sie rechtzeitig alle ausländischen Rohstoffe, die für den Ausbau ihres Drohnen- und Raketenarsenals benötigt wurden. Dadurch war Iran auch nach der Zerstörung seiner Luftabwehrsysteme noch in der Lage, zurückzuschlagen.
2. Bereitschaft zur gegenseitigen Eskalation
Zu Irans Verdienst gehört, dass es sich nicht gescheut hat, gegen Israel, die USA oder die Golfstaaten, deren Luftraum und Einrichtungen (Luftwaffenbasen, Radaranlagen, Häfen usw.) von diesen gegen Iran genutzt wurden, reziprok zu eskalieren. Iran setzte dies fort, obwohl seine Gegner nuklear bewaffnet waren – und im Fall von Trump sogar angedeutet hatten, solche Waffen einzusetzen, um seine jahrtausendealte Zivilisation zu zerstören. Indem es die Kosten für seine Gegner systematisch in die Höhe trieb, während es selbst noch größere Verluste hinnahm, überraschte Iran alle.
3. Dezentralisierte Mosaik-Verteidigung
Iranische Strategen haben ebenfalls früh erkannt, dass die Gegner versuchen würden, die Führung zu enthaupten. Deshalb dezentralisierten sie die vom IRGC geführte Landesverteidigung, um die drohnen- und raketenbasierte gegenseitige Eskalation auch nach möglichen Führungsverlusten fortsetzen zu können. Das Ziel war, die verwundbareren Gegner langfristig zu erschöpfen. Dieser Ansatz war nicht risikofrei – er hatte fast einen Krieg mit Aserbaidschan ausgelöst und damit potenziell auch mit dem NATO-Mitglied Türkei –, erwies sich insgesamt jedoch als äußerst erfolgreich und übertraf alle Erwartungen.
4. Patriotisch geeinte Bevölkerung
Trotz vereinzelter politischer Gewalt (die offenbar von außen durch die Ausnutzung bestehender Missstände geschürt wurde) stellte sich die große Mehrheit der Iraner patriotisch hinter die Verteidigung ihres Landes. Die meisten Menschen – unabhängig von politischer, religiöser, ethnischer oder regionaler Zugehörigkeit – erkannten die existenzielle Dimension des Konflikts, nachdem Israel und die USA diese offen angesprochen hatten. Es kam daher zu keinen kriegsbedingten Aufständen, die den Gegnern in die Hände gespielt hätten. Die Bevölkerung ertrug ihr Leid geduldig.
5. Strategische diplomatische Geduld
Schließlich akzeptierten Irans Verhandler trotz der wachsenden Belastung für den Staat nicht das erste Angebot. Ein Grund war, den Druck auf die Gegner weiter zu erhöhen, in der Hoffnung, Spaltungen unter ihnen zu fördern und so ein günstigeres internationales Umfeld für einen Waffenstillstand zu schaffen. Gleichzeitig rechneten sie damit, dass die eigene Bevölkerung weiterhin geschlossen bleiben würde – eine Einschätzung, auf der diese Strategie beruhte. Genau deshalb scheiterte auch die US-amerikanische „Maximum-Pressure“-Politik und führte nicht zu Irans „bedingungsloser Kapitulation“.
Iran hat militärische, strategische, politische und diplomatische Faktoren meisterhaft miteinander verknüpft und so den US-israelischen Angriffskrieg überlebt. Das ist angesichts der Erwartungen vieler Beobachter, das Land werde dem Schicksal des Irak, Libyens und Syriens folgen, unbestreitbar ein Sieg. Zwar hat Iran Israel nicht zerstört – was viele seiner Unterstützer vor Kriegsbeginn als eigentlichen Maßstab für Erfolg gesehen und was ihnen versprochen worden war –, doch es hat seinem Gegner beispiellosen Schaden zugefügt. Israel hat Iran ebenfalls schwer getroffen, verlor aber dennoch, weil es keines seiner Ziele vollständig erreichte.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
[Zum Originalbeitrag in englischer Sprache auf dem Substack-Blog des Autors.]
Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.







