Zwei Kinder, die in einer ländlichen Gegend Somalias mit Kanistern Wasser holen (Foto: Pexels/Najim Kurfi)
In Europa schauen wir verständlicherweise auf den Krieg in der Ukraine und wegen der Folgen auch auf den US-amerikanisch-israelischen Krieg gegen den Iran. Dabei gerät das geschehen in anderen Teilen der Welt leider schnell in Vergessenheit. Der Autor Heinrich Frei erinnert uns daran, was in Somalia passiert.
Die Zahl der Hungernden steigt erstmals seit 20 Jahren, wie die Welthungerhilfe schreibt. Auch in Somalia mit 17 Millionen Einwohnern gibt es heute mehr Hungernde. Dieses Land hat heute drei Millionen Binnenvertriebene. Laut Angaben der UNO sind in Somalia 4,4 Millionen Menschen vom Hunger bedroht. Eine Million Kinder, Frauen und Männer leiden bereits jetzt unter extremen Hunger.
Tausende sind in Somalia vor der Dürre, des Krieges und angesichts eines starken Rückgangs der Lieferung von Hilfsgütern, des Welternährungsprogrammes in die Städte geflohen. Tausende von Hunger betroffene Familien haben aufgrund der jahrelangen Dürre in Somalia ihr Vieh und ihre Höfe verloren.
Die US-Regierung unter Donald Trump hat die Hilfe gekürzt und viele andere Länder auch. Die USA haben bisher weltweit am meisten Hilfe geleistet.
Russlands Präsidemt Wladimir Putin am 1. Oktober 2026 beim Waldai-Jahrestreffen mit Moderator Fjodor Lukjanow (rechts) (Foto: http://en.kremlin.ru/events/president/news/80910/photos)
»Kriege sind Teil unseres Lebens geworden« und das globale Kräfteverhältnis befindet sich im Umbruch: So beschrieb Wladimir Putin am 1. Oktober auf dem jüngsten Treffen des Waldai-Klubs in Moskau die aktuelle Weltlage. Der ungarische Journalist Gábor Stier ist langjähriges Mitglied des Klubs und war persönlich vor Ort – wo Gäste aus dem Westen mittlerweile selten geworden sind. Seine Analyse wirft ein anderes Licht auf das Treffen und stellt der westlichen Berichterstattung die Aussagen vor Ort gegenüber.
»Das Fehlen allgemein anerkannter Regeln führt häufig zu egoistischem Verhalten. […] Die globale Politik liefert dafür fast täglich Beispiele. Jedes erdenkliche Tabu wird gebrochen.« Das erklärte Wladimir Putin auf der Plenarsitzung des 23. Jahrestreffens des Internationalen Waldai-Diskussionsklubs.
Laut dem russischen Präsidenten habe die Welt einen entscheidenden Wendepunkt erreicht, und nicht nur das globale Kräfteverhältnis, sondern unser gesamtes Leben verändere sich. Er mahnte die Staaten der Europäischen Union zur Mäßigung und machte deutlich, dass Russland den Krieg in der Ukraine zu Ende führen werde. Er gab auch zu verstehen, dass die globalen Spannungen in den kommenden Jahren nicht abnehmen würden, sodass Unsicherheit nicht nur für die Russen, sondern für alle ein natürlicher Teil des Lebens sei.
Die Entwicklung der Welt habe einen entscheidenden Punkt erreicht. Dies sei nicht nur eine politische Frage, da Politik wie immer das Produkt tiefgreifender Veränderungen sei. Von Technologie über gesellschaftliche Strukturen, Klima, Medizin, militärische Angelegenheiten und Bioethik bis hin zur Zukunft der Energie, demografischen Veränderungen, Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und völlig neuen wirtschaftlichen Entwicklungsmodellen fänden in allen Bereichen gewaltige Umwälzungen statt.
»Dies ist der Beginn einer völlig neuen Welt, einer ganz neuen Realität. Bedrohungen und Gefahren sind eng mit Chancen und Perspektiven verflochten. Wir müssen verstehen: Unser gesamtes Leben verändert sich.«
Dabei gehe es keineswegs nur – und nicht einmal in erster Linie – um eine Verschiebung des Machtgefüges oder die Umverteilung von wirtschaftlichem und technologischem Einfluss. Wichtiger sei, dass diese Veränderungen die biologische und moralische Natur des Menschen, sein Wesen, unsere Lebensweise und die Grundlagen unseres Weltbildes beeinflussten. Die Technologie eröffne buchstäblich phantastische Perspektiven zur Verlängerung des Lebens und zur Verbesserung der Lebensqualität. Gleichzeitig hebe sie jedoch durch militärische Konflikte, schnelle Umweltzerstörung oder den Verlust der Kontrolle über technologische Prozesse die Möglichkeit einer universellen Vernichtung auf eine neue Stufe.
Eine natürliche Begleiterscheinung dieser Veränderungen sei eine erhöhte Nervosität, Unsicherheit und innere Spannungen, die aus dem Mangel an Verständnis für die Zukunft resultierten.
Eine Folge davon sei der innenpolitische Aufruhr in vielen Ländern, insbesondere da traditionelle Parteiensysteme die sich rasch verändernde Sozialstruktur immer weniger widerspiegelten. Um die innere Stabilität zu wahren, gingen Regierungen unterdessen immer größere Risiken ein und exportierten dadurch Instabilität. All dies verschärfe und verstärke die in der Welt herrschende Spannung nur noch weiter. Unabhängig davon, welches Szenario sich in den kommenden Jahren global herausbilde, würden internationale Konflikte daher leider dauerhaft bestehen bleiben. Während wir uns strategisch von der westlichen Hegemonie hin zu einer stabileren, demokratischeren und freieren multipolaren internationalen Ordnung bewegten, werde sich die globale Lage allmählich zum Besseren verändern.
Heute seien Vorsicht und Umsicht das Wichtigste. Dies könne helfen zu verhindern, dass die Veränderungen unkontrollierbar würden.
Eine erneute Wende in den US-amerikanisch-russischen Beziehungen hat Kiew schockiert, die europäischen Verbündeten empört und weltweit für Ratlosigkeit gesorgt: Zum ersten Mal hat die US-Regierung gegenüber Moskau eine Entscheidung getroffen, bei der die Interessen Kiews schlicht übergangen wurden. Eine Analyse von Fjodor Lukjanow, Forschungsdirektor des Waldai-Klubs, Vorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik sowie Chefredakteur der Zeitschrift Russia in Global Affairs, über die Hintergründe und was sie für die Zukunft bedeutet. Aus dem Russischen übersetzt von Éva Péli.
Die überraschende Entscheidung der US-Regierung unter Donald Trump, die Sanktionen gegen Lieferungen von russischem Dieselkraftstoff vorübergehend auszusetzen, steht in direktem Widerspruch zu den jüngsten Schritten Washingtons — etwa der Verabschiedung eines scharfen Sanktionsgesetzes und der Absicht, damit den Druck auf Moskau zu erhöhen.
Manche führen diesen Schritt auf die Eigenmächtigkeit des US-Präsidenten zurück, andere sehen darin die Ansätze einer neuen Strategie, und wieder andere deuten ihn als grundlegenden Kursschwenk in der Ukraine-Politik. Um die tatsächliche Logik dahinter zu verstehen, muss man den Blick von den Äußerlichkeiten befreien — allen voran vom gewohnt schrillen Auftreten des US-Präsidenten. Seine oft grenzwertig anmutenden Auftritte sind meist nur die äußere Hülle einer knallharten Zielsetzung. Ob diese im Ergebnis richtig oder falsch ist, steht auf einem anderen Blatt.
Wolodymyr Selenskyj wurde zum Sündenbock für die steigenden Spritpreise an den US-Tankstellen gemacht – und wer Trump kennt, weiß: Es ist unmöglich, ihm eine einmal gefasste Meinung wieder auszureden. Der eigentliche Auslöser für Trumps Schwenk dürfte in der US-Innenpolitik liegen: In wenigen Wochen stehen die Zwischenwahlen zum US-Kongress an, und die Aussichten für die Republikaner sind düster. Trump gibt sich nach außen hin zwar unbeeindruckt, doch der Verlust beider US-Kongresskammern würde für ihn zwei Jahre Dauerfeuer und zermürbenden Machtkampf bedeuten.
Interview mit Jacques Baud. Interview: Thomas Kaiser – 15. Oktober 2026
Er weiß, was er sagt, wenn er etwas sagt oder schreibt: Jacques Baud an einem Seminar in Solothurn. (Foto Christian Müller)
»Bei unseren Politikern gibt es keine Reflexion, keine Vision und kein Verständnis für die Welt mehr« – Ein ausführliches Interview mit dem von der EU sanktionierten Schweizer Jacques Baud*.
Auch wenn sich bei der Abstimmung am 26. September 2026 die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung, die einer massiven Propagandawalze ausgesetzt war, gegen eine eindeutige Definition der Neutralität in der Verfassung ausgesprochen hat, bleibt die Frage, wie sich die Schweiz bei den bestehenden Konflikten positionieren will. Im folgenden Interview mit Jacques Baud wird deutlich, in welche Abhängigkeiten sich die Schweiz begibt, geht sie den eingeschlagenen Weg weiter. Wenn irgendwann die Menschen aufwachen und den Betrug merken, wird es viel Kraft brauchen, das Rad zurückzudrehen.
Zeitgeschehen im Fokus: Was ist der Nutzen für die Schweiz, wenn sie Mitglied der »Partnerschaft für den Frieden« (PfP) ist?
Jacques Baud: Die NATO wurde 1949 gegründet, um die europäischen Länder unter den nuklearen Schutzschirm der USA zu stellen, nachdem die UdSSR die Atombombe entwickelt hatte. Im Mai 1955 führte der Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur NATO eine Woche später zur Gründung des Warschauer Pakts. Diese beiden Blöcke standen sich während des Kalten Krieges gegenüber, während die Schweiz zwischen ihnen stand. Die Schweiz hat keinen Platz in einem Militärblock.
Nach dem Kalten Krieg stand die NATO vor zwei Problemen: zum einen die Aufnahme der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten, die um einen Beitritt zur NATO ersuchten, und zum anderen die Schaffung eines Instruments zur Beilegung verschiedener lokaler und regionaler Konflikte, insbesondere im ehemaligen Jugoslawien.
Die »Partnerschaft für den Frieden« war die Lösung, die die Clinton-Regierung fand. Sie ermöglichte einerseits die Koordinierung des Engagements für den Frieden, stellte aber vor allem für viele dieser Länder eine Art »Wartezimmer« zum Beitritt zur NATO dar. Man darf nicht vergessen, dass zu jener Zeit der Wiederaufbau ihrer Länder für die ehemaligen kommunistischen Staaten oberste Priorität hatte. Ihr Interesse an der EU galt nicht den »Werten«, sondern den großzügigen EU-Subventionen! Der Beitritt zur NATO war jedoch ein unverzichtbarer Schritt auf dem Weg in die EU.
Ich erinnere mich, dass ich Anfang der 1990er Jahre, bevor wir uns der „Partnerschaft für den Frieden“ (PfP) annäherten, Teil einer kleinen Delegation war, die die politischen Auswirkungen einer Schweizer Beteiligung auf unsere Neutralität bewerten sollte. Als wir die Folgen einer möglichen Annäherung an die EU zur Sprache brachten, brach der (französische) Vertreter der Europäischen Kommission in schallendes Gelächter aus. Er sagte uns, dass die osteuropäischen Länder nur an den Subventionen interessiert seien und dass die Schweiz, sollte sie der EU beitreten, keinerlei Nutzen daraus ziehen würde, da sie lediglich zahlen würde!
Für die Schweiz war die Teilnahme an der PfP sinnvoll. Sie ermöglichte es, die Schweiz im Rahmen der »Sicherheit durch Zusammenarbeit« mit ihren europäischen Nachbarn zu vernetzen. Ich möchte daran erinnern, dass die PfP zu jener Zeit eine Kooperationsplattform war, zu der auch Weißrussland und Russland gehörten. Zudem war dies die Zeit, in der die Schweiz bestrebt war, ihr Engagement für den Frieden auszubauen.
Man darf auch nicht vergessen, dass die NATO unmittelbar nach dem Kalten Krieg als mögliche Plattform für die Sicherheitszusammenarbeit in Europa angesehen wurde. Zu dieser Zeit hatte Russland die Möglichkeit eines NATO-Beitritts ins Spiel gebracht. Das Problem ist, dass der Westen diese Chance nicht erkannt hat. Einerseits waren die USA der Überzeugung, den Kalten Krieg »gewonnen« zu haben, und wollten diesen »Sieg« auskosten. Andererseits gelang es ihnen nicht, das Konzept des Atlantischen Bündnisses von einer Verteidigungsstruktur hin zu einer Struktur der kollektiven Sicherheit weiterzuentwickeln.
* Jacques Baud hat einen Master in Ökonometrie und ein Nachdiplomstudium in internationaler Sicherheit am Hochschulinstitut für internationale Beziehungen in Genf absolviert und war Oberst der Schweizer Armee. Er arbeitete für den Schweizerischen Strategischen Nachrichtendienst und war Berater für die Sicherheit der Flüchtlingslager in Ost-Zaire während des Ruanda-Krieges, arbeitete unter anderem für die NATO in der Ukraine und ist Autor mehrerer Bücher über Nachrichtendienste, asymmetrische Kriegsführung, Terrorismus und Desinformation. – Heute gehört Jacques Baud – als Schweizer Bürger! – zu den von der EU Sanktionierten, lebt wirtschaftlich blockiert in Brüssel, mit gesperrten Bank-Konten.
Die USA haben die Ukraine mit modernen Raketen und anderen Hightech-Waffen beliefert, darunter das oben abgebildete „High-Mobility Artillery Rocket System“
Die Zwischenwahlen in den Vereinigten Staaten, die in weniger als drei Wochen stattfinden, werden voraussichtlich eine Absage an US-Präsident Donald Trump und seine Politik des Krieges, der Diktatur und der sozialen Sparmaßnahmen bedeuten. Trumps Zustimmungswerte befinden sich auf einem Rekordtief.
Während sie die Wut der Arbeiterklasse über die Lebenshaltungskosten und die soziale Ungleichheit für sich benutzen, machen die Demokraten deutlich, dass ihre zentrale Priorität eine massive und katastrophale Eskalation des Krieges gegen Russland ist. Die Demokraten stimmen mit Trumps Angriff auf Sozialprogramme und die Arbeiterklasse überein. Ihr Konflikt mit Trump dreht sich vor allem darum, dass er ihrer Ansicht nach die globalen Interessen des amerikanischen Imperialismus nicht aggressiv und konsequent genug verfolgt.
Der Abgeordnete Jim Himes aus Connecticut, ranghöchster Demokrat im Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses, erklärte am 13. Oktober auf dem Warsaw Security Forum im Namen der Parteiführung, ein demokratisch geführter Kongress „bedeutet, dass Hilfspakete [für die Ukraine] nicht in neun Monaten, sondern in neun Tagen oder neun Wochen auf den Weg gebracht werden.“ „Wenn die Demokraten die Kontrolle über den Capitol Hill erlangen, wird die erneute Ukraine-Hilfe eine Priorität sein“, schrieb die Fachzeitschrift Breaking Defense in einem Bericht über seine Äußerungen.
Die Demokratische Partei und die Medien bereiten sich auf diese Eskalation vor, indem sie unter der wohlhabenden oberen Mittelschicht Kriegshysterie schüren und Trump vorwerfen, gegenüber Russland zu nachgiebig zu sein.
Im Mittelpunkt der Agitation der Demokraten gegen Trump steht sein vorübergehender „Energie-Waffenstillstand“ mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin – ein politischer Schachzug, um den Handel mit russischem Dieselkraftstoff zu ermöglichen. Die Demokraten verurteilten das Abkommen innerhalb weniger Stunden, und am 13. Oktober forderte eine parteiübergreifende Gruppe von zwölf Senatoren Trump auf, es als „Geschenk an unseren Gegner“ zurückzunehmen.
Die New York Times, die als Sprachrohr der Demokratischen Partei fungiert, hat diese Kampagne angeführt. Allein in der ersten Oktoberhälfte veröffentlichte sie mindestens zwanzig Berichte, Analysen und Kolumnen, die sich um angebliche russische Bedrohungen für Europa, ukrainische Erfolge auf dem Schlachtfeld und die Gefahr einer Lockerung des Drucks auf Moskau drehten.
Unbewiesene Behauptungen werden als feststehende Tatsachen dargestellt. Am 2. Oktober berichtete die Zeitung über einen angeblich abgefangenen russischen Plan zur Zerstörung des ukrainischen Stromnetzes, räumte dabei jedoch ein, dass sie die Echtheit des Dokuments nicht bestätigen könne. Am 9. Oktober behandelte Steven Erlanger einen russischen „Schattenkrieg“ der Sabotage in Europa als feststehend, räumte ein, dass viele der Vorfälle nur schwer Moskau zugeschrieben werden können, und machte anschließend Vorschläge für Cyberangriffe auf die russische Infrastruktur.
Am 15. Oktober veröffentlichte die Times dann zwei Kolumnen, die diese Kampagne zusammenfassen. Unter der Überschrift „Trumps Deal: ‚Demokratie für Diesel‘ beschämt uns alle“ schrieb Thomas Friedman: „Donald Trump, das ist Neville Chamberlain“, und verglich ihn mit dem britischen Premierminister, der Hitler 1938 in München beschwichtigt hatte. David French schrieb, Trump „wirft Wladimir Putin einen Rettungsring zu.“
Friedman schreibt, Trump werde als einer jener Staatsführer in die Geschichte eingehen, die „die demokratischen Werte ihres Landes verkauft haben, um einen Diktator zu beschwichtigen.“ Friedman ist der letzte Mensch auf Erden, der das Recht hätte, irgendjemanden über demokratische Werte zu belehren. Während der NATO-Bombardements auf Serbien im Jahr 1999 schrieb er: „Jede Woche, in der ihr den Kosovo verwüstet, ist ein weiteres Jahrzehnt, um das wir euer Land zurückwerfen werden, indem wir euch in Grund und Boden stampfen. Ihr wollt 1950? Wir können 1950. Ihr wollt 1389? Wir können auch 1389.“
Der EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag in Brüssel war ein Ausdruck der gefährlichen Zuspitzung der internationalen Kriegseskalation. Während die Trump-Regierung im Konflikt mit den europäischen Mächten zumindest momentan eine gewisse Verständigung mit Russland sucht, drängen die EU-Regierungen, allen voran Berlin, auf eine Fortsetzung und Ausweitung des Ukrainekriegs. Sie wollen die finanziellen und militärischen Lasten zunehmend selbst tragen und Europa zu einer eigenständigen Militärmacht aufbauen.
Das geht mit einer Eskalation einher, die einen direkten Krieg zwischen der NATO und Russland, einschließlich eines Atomkriegs, heraufbeschwört. Zugleich unterstreichen die Gipfelberatungen zu Aufrüstung, „Wettbewerbsfähigkeit“, Handelskrieg und Migration: Der Kriegskurs nach außen ist mit verschärften sozialen Angriffen und autoritären Maßnahmen im Inneren verbunden.
Konflikte zwischen Washington und Europa
Im Mittelpunkt des Gipfels stand die demonstrative Unterstützung für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Trump hatte nach einer Vereinbarung mit Putin über russische Diesellieferungen Sanktionen gelockert und die ukrainischen Angriffe auf russische Ölraffinerien kritisiert. Zudem forderte er einen Wechsel an der Spitze der Ukraine. Die europäischen Regierungen sind dagegen entschlossen, die Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur fortzusetzen und die Sanktionen zu verschärfen.
EU-Ratspräsident António Costa erklärte am Freitag an Selenskyjs Seite: „Jetzt ist nicht die Zeit, die Unterstützung für die Ukraine zurückzuziehen. Jetzt ist nicht die Zeit, die Sanktionen gegen Russland zu lockern.“ Vielmehr müsse die EU ihre Unterstützung und den Druck auf Russland erhöhen. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte die Vorbereitung eines 22. Sanktionspakets an.
Besonders aggressiv tritt die Bundesregierung auf. Kanzler Friedrich Merz erklärte, die EU müsse ihre Finanzmittel für Kiew „noch einmal … aufstocken“, um der Ukraine „dauerhaft zu helfen“. Dabei gehe es darum, „die politische Ordnung Europas“ zu verteidigen. Der Konflikt mit Washington betrifft inzwischen auch die Verfügung über rund 210 Milliarden Euro eingefrorenes russisches Zentralbankvermögen in Europa. Berichten zufolge wollen US-Unterhändler Teile davon bei Verhandlungen mit Moskau einsetzen. Merz wies dies brüsk zurück: „Das ist unsere Angelegenheit und darüber entscheiden wir.“
Hinter den Differenzen stehen rivalisierende geostrategische und wirtschaftliche Interessen. Die europäischen Mächte fürchten, Trump könnte mit Putin ein Abkommen schließen, das ihre eigenen Kriegsziele und ihren Einfluss in Osteuropa untergräbt. Gleichzeitig hängt die ukrainische Kriegsführung weiterhin von amerikanischer Militärtechnik und Geheimdienstunterstützung ab. Berichte über Einschränkungen des satellitengestützten Starshield-Systems zeigen diese Abhängigkeit besonders drastisch.
Immer neue Milliarden für den Krieg
Selenskyj bezifferte die ukrainischen Kriegskosten für 2027 auf 155 Milliarden Euro und forderte mindestens 70 Milliarden Euro zusätzliche europäische Unterstützung. Mit dem Geld könne die Ukraine zwei- bis dreimal so viele Drohnen produzieren und den militärischen Druck auf Russland massiv erhöhen. Bereits für 2026 und 2027 hat die EU einen Kredit von 90 Milliarden Euro auf den Weg gebracht. Über die neuen Milliardenforderungen fiel in Brüssel noch keine Entscheidung; die Kommission soll Finanzierungsmöglichkeiten erarbeiten.
Die Dimension der bereits mobilisierten Summen ist gewaltig. Nach einer Untersuchung des Kiel Instituts für Weltwirtschaft beziffert die Bundesregierung ihre bisherige und zugesagte Ukraine-Unterstützung auf rund 100 Milliarden Euro. Rund 41,7 Milliarden Euro werden als direkte Hilfe für die Ukraine erfasst, 22 Milliarden Euro sind weitere künftige militärische Zusagen und mögliche Ausgaben. Zusammen sind das 63,7 Milliarden Euro. Davon entfallen rund 56,3 Milliarden Euro auf Militärhilfe. Hinzu kommen 35,9 Milliarden Euro, die überwiegend für ukrainische Flüchtlinge in Deutschland ausgegeben wurden. Nicht alle erfassten Haushaltsmittel sind bereits ausgezahlt.
Die Bundeswehr nimmt dieses Jahr an zwei Atomkriegsmanövern teil: an einer NATO- und an einer französischen Übung. Erneut werden Spekulationen über eine „deutsche“ oder eine neue „europäische“ Bombe laut.
Die Bundeswehr beteiligt sich aktuell am alljährlichen Atomkriegsmanöver der NATO und nimmt in diesem Jahr zudem an einer Kernwaffenübung der französischen Nuklearstreitkräfte teil. Zum NATO-Manöver Steadfast Noon, das am Dienstag begonnen hat, hat die Bundeswehr drei Tornado-Kampfjets nach Italien entsandt. Dort trainieren Soldaten aus 17 NATO-Staaten unter anderem Einsatzflüge, die mit dem Abwurf von Atombomben enden. Während bisher fünf europäische Staaten in die sogenannte nukleare Teilhabe eingebunden sind, schaffen mittlerweile weitere Länder – Finnland und Litauen – die gesetzlichen Voraussetzungen, um Atomwaffen auf ihrem Territorium zu stationieren. Parallel treibt Frankreich die Einbindung weiterer Staaten in sein neues Konzept der „vorverlegten Abschreckung“ („dissuasion avancée“) voran. In diesem Zusammenhang beteiligt sich die Bundeswehr in diesem Jahr erstmals an der französischen Atomkriegsübung Operation Poker, die zuletzt Ende September stattfand. Ein einflussreicher deutscher Außenpolitikexperte spekuliert parallel über eine deutsche Bombe und berichtet von Überlegungen, gemeinsam etwa mit den Staaten Skandinaviens eine „europäische“ Nuklearwaffe zu entwickeln.
Steadfast Noon
Die NATO hat am Dienstag ihr alljährliches Atomkriegsmanöver Steadfast Noon begonnen. Es findet dieses Mal in Italien statt. Schwerpunkte sind die Luftwaffenstützpunkte Aviano bei Udine und Ghedi bei Brescia, wo jeweils US-Atombomben gelagert sind. Details wurden in diesem Jahr kaum bekanntgegeben. Üblicherweise wird bei Steadfast Noon geübt, die US-Bomben, die im Rahmen der sogenannten nuklearen Teilhabe von europäischen Luftwaffen zum Einsatzort geflogen werden, aus ihren Bunkern zu holen, sie an europäischen Kampfjets zu befestigen und, daran anschließend, Einsatzflüge sowie deren militärische Begleitung zu simulieren. Beteiligt sind dieses Jahr die Streitkräfte von 17 NATO-Staaten. Die Bundeswehr ist mit drei Tornado-Kampfjets des taktischen Luftwaffengeschwaders 33 aus Büchel in der Eifel involviert, das für die deutsche nukleare Teilhabe zuständig ist. Beteiligt sind auch die Türkei und Rumänien, das drei F-16-Kampfjets entsendet.[1] Schweden wiederum stellt eine nicht genannte Anzahl an Gripen-Kampfjets bereit, während Finnland Stabsoffiziere zu der Übung entsendet.[2] Das Manöver soll rund zehn Tage dauern und einen Umfang haben wie im vergangenen Jahr. Damals nahmen gut 2.000 Soldaten mit rund 70 Flugzeugen teil.
Öffnung für Massenvernichtungswaffen
Das Atomkriegsmanöver der NATO findet statt, während das Militärbündnis gleichzeitig die Stationierung von Kernwaffen in weiteren Staaten Europas diskutiert; dabei geht es vor allem um die Option, US-Atombomben ebenfalls im Rahmen der nuklearen Teilhabe einzulagern. In Finnland hat das Parlament am 17. Juni beschlossen, ein aus dem Jahr 1980 stammendes Verbot aufzuheben, Kernwaffen zu beherbergen oder sie auch nur über finnisches Territorium zu transportieren.[3] Damit ist eine zentrale Vorbedingung für eine etwaige Stationierung von Atombomben erfüllt. In Litauen hat das Parlament vergangene Woche dafür gestimmt, eine Norm in der Verfassung des Landes aufzuheben, die es untersagt, Massenvernichtungswaffen auf litauischem Territorium zu lagern.[4] Um die Verfassungsänderung abzuschließen, ist allerdings noch eine zweite Abstimmung im Parlament erforderlich. In Polen wiederum wird die etwaige Stationierung von US-Atombomben lebhaft diskutiert. Während die Regierung unter Ministerpräsident Donald Tusk sich offen dagegen positioniert, wie der stellvertretende Verteidigungsminister Paweł Zalewski Ende August bekräftigte, geben sich Präsident Karol Nawrocki und die Partei PiS (Prawo i Sprawiedliwość) von Jarosław Kaczyński dafür grundsätzlich offen.[5]
Frankreich hat erstmals die weiterentwickelte Atomrakete M51.3 von einem U-Boot aus getestet. Der Start erfolgte ohne Nuklearsprengkopf, fällt aber in eine Phase, in der Präsident Emmanuel Macron die nukleare Abschreckung zunehmend in die europäische Sicherheitsordnung einbinden will.
Am 6. Oktober 2026 startete Frankreich eine ballistische Rakete des Typs M51.3 von dem Atom-U-Boot Le Vigilant. Der Test fand vor der bretonischen Küste statt und sollte belegen, dass das U-Boot nach einer ausgedehnten Überholung wieder betriebsbereit ist. Die Rakete trug keinen Nuklearsprengkopf. Es handelte sich also nicht um einen Atomwaffentest im Sinne einer nuklearen Explosion, sondern um einen Test des Trägersystems. Der französische Präsident Emmanuel Macron verfolgte den Start von einer französischen Fregatte aus und bezeichnete ihn als wichtigen Schritt für die strategische Glaubwürdigkeit Frankreichs.
Die M51.3 ist Teil der Modernisierung der französischen Nuklearstreitkräfte. Sie soll die Reichweite, Präzision sowie die Durchsetzungsfähigkeit gegenüber gegnerischen Raketenabwehrsystemen verbessern. Damit demonstriert Paris seine technischen Ressourcen, und bestätigt den Anspruch, seine nukleare Abschreckung langfristig aufrechtzuerhalten.
Macron will mehr Atomwaffen
Der Test geschieht im Kontext einer totalen militärischen Geheimhaltung. Im März 2026 kündigte Macron an, die Anzahl der französischen Nuklearsprengköpfe zu erhöhen. Zugleich will Frankreich zukünftig keine exakten Zahlen zum Umfang seines Arsenals mehr veröffentlichen. Paris begründet den Kurs mit einer verschärften internationalen Sicherheitslage und der Notwendigkeit, die eigene Abschreckung glaubhaft zu halten.
Diese Logik ist bekannt: Ein potenzieller Angreifer soll davon ausgehen, dass ein Erstschlag einen Gegenschlag nach sich ziehen würde, dessen Kosten nicht hinnehmbar wären. Besonders U-Boote gelten als unentbehrlich, weil sie schwer aufzuspüren sind und so die Kapazität zum Vergeltungsschlag sichern sollen.
Doch Abschreckung bleibt ein riskantes Prinzip. Sie setzt voraus, dass einzelne Führungskräfte die Absichten des Gegners stets korrekt erfassen und Krisen kontrollieren können. Technisch effizientere Waffen beseitigen weder das Risiko von Fehleinschätzungen noch die etwaige Eigendynamik einer unbeabsichtigten Eskalation. Wenn mehrere Atommächte ihre Arsenale optimieren, kann eine Konstellation entstehen, in der jede Seite ihre eigenen Maßnahmen als defensiv versteht, während sie die Vorkehrungen der anderen als offensive Bedrohung wahrnimmt.
Beim Qincy Institute of Responsible Statecraft ist ein Artikel erschienen, in dem ein hypothetisches Zukunftsszenario zur Ukraine durchgespielt wird, das zeigt, zu welchen Gefahren die derzeitige Politik des Westen zu führen droht. Thomas Röper hat den Artikel übersetzt.
2027: Der Winter in der Ukraine, von dem wir gehofft hatten, dass er nicht kommen würde
Unerbittliche russische Angriffe und die Energiekrise, gepaart mit schwindenden Ressourcen aus dem Ausland, erfordern, dass Trump jetzt seine Kriegsstrategie grundlegend ändert.
Stellen wir uns mal ein Zukunftsszenario für die Ukraine vor.
Es ist Februar 2027. Der ukrainische Winter war ungewöhnlich kalt, und die russischen Luftangriffe auf die Energieinfrastruktur, das Verkehrsnetz und die Kommunikationsnetze der Ukraine haben zunehmend verheerende Auswirkungen. Die Ukraine verfügt über keine wirksamen Verteidigungsmittel gegen die massiven Angriffe mit russischen Raketen, Gleitbomben und düsengetriebenen Drohnen, da der russische Präsident Wladimir Putin sowohl darauf abzielt, die Fähigkeit der Ukraine zum Einsatz einer schlagkräftigen Armee zu lähmen, als auch ihren Willen zum Weiterkämpfen zu brechen.
Da es an Heizung, Wasser und Strom mangelt, fliehen Millionen Ukrainer aus Kiew und anderen Großstädten. Westliche Botschaften verlegen ihre Standorte vorübergehend aus der Hauptstadt in sicherere Gegenden. Russische Angriffe auf Rechenzentren und Starlink-Terminals beginnen, die Zielerfassung und Kommunikation der Ukraine auf dem Schlachtfeld zu untergraben und gefährden damit ihre Aussichten, die letzten beiden „Festungsstädte“ in der Donbass-Region zu halten, sobald wärmeres Wetter eine Intensivierung der Bodenkämpfe ermöglicht.
Angesichts wachsender Angst vor Hunger, dem Mangel an Versorgungsgütern und Unterkühlung rufen internationale Hilfsorganisationen eine humanitäre Krise für die Ukraine aus. Westliche Medien werfen Putin Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor und die NATO-Verbündeten drängen Washington zum Handeln, da sie befürchten, dass ihre Vision von der Ukraine als einem beständigen „Stachelschwein aus Stahl“, das für die kommenden Jahrzehnte bis an die Zähne gegen russische Aggressionen bewaffnet ist, zunehmend illusorisch erscheint. Der US-Kongress, der nach den überwältigenden Siegen der Demokraten bei den Zwischenwahlen nun von ihnen kontrolliert wird, fordert Trump auf, die russischen Angriffe zu stoppen und das NATO-Bündnis zur Verteidigung der Ukraine zu mobilisieren.
Trumps Palette an diplomatischen Optionen, um Russland aufzuhalten oder abzuschrecken, erscheint jedoch beunruhigend dünn. Weder die Androhung neuer Wirtschaftssanktionen noch das Versprechen neuer Wirtschaftsabkommen haben Putins Widerstand gegen eine vorläufige Waffenstillstandsvereinbarung geschwächt. Moskau beharrt weiterhin darauf, dass ein Waffenstillstand ohne eine umfassendere Friedenslösung, die zentrale politische und sicherheitspolitische Fragen in der Ukraine regelt und die NATO-Erweiterung beendet, unmöglich ist. Doch weder in Washington noch in Europa besteht großes Interesse daran, mit Russland über solche Themen zu verhandeln, insbesondere angesichts der anhaltenden humanitären Krise in der Ukraine.
Russland hat jedoch noch Zeit, Sicherheitsgarantien nach ukrainischem Vorbild vorzuschlagen, um eine weitere „Sonderoperation“ abzuwenden.
Politico veröffentlichte kürzlich einen Artikel darüber, wie „Frankreich und die Türkei die Bemühungen der NATO um eine Vertiefung der Beziehungen zu den Kaukasus-Staaten blockieren“ – nicht, weil sie grundsätzlich dagegen sind, sondern weil die Türkei die Verlängerung des Partnerschaftsplans mit Armenien blockiert, nachdem Frankreich sich geweigert hatte, den Plan mit Aserbaidschan zu genehmigen. Frankreich und Aserbaidschan liegen seit langem im Streit über die Unterstützung Armeniens durch Paris, insbesondere im Zusammenhang mit dem Karabach-Konflikt, und zuletzt wegen der Inhaftierung französischer Staatsbürger durch Aserbaidschan (die später freigelassen wurden).
Laut Politico „hat die Verzögerung die NATO gezwungen, die veralteten Partnerschaftsabkommen mit Armenien und Aserbaidschan vorübergehend zu verlängern, obwohl die Verhandlungen über die neuen Pläne fast abgeschlossen sind, sagten drei der Diplomaten. Die neuen Pläne würden deren Teilnahme an gemeinsamen Militärübungen ermöglichen, die militärische Ausbildung fördern und die kulturelle Zusammenarbeit intensivieren – bis hin zur Einrichtung lokaler Englischkurse, fügten sie hinzu.“ Gemeinsame NATO-Übungen könnten nach der Genehmigung des Plans an der Kaspischen Küste gemeinsam mit Aserbaidschan stattfinden.
Für scharfsinnige Beobachter kommt dies alles nicht überraschend. Die im August 2025 vorgestellte „Trump-Route für internationalen Frieden und Wohlstand“ (TRIPP) verfolgt den unausgesprochenen weiteren Zweck, als militärischer Logistikkorridor der NATO zum Kaspischen Meer und von dort weiter nach Zentralasien zu dienen. TRIPP ist daher das Mittel, mit dem die NATO Russland entlang der Südflanke des neuen „Cordon sanitaire“ einzudämmen gedenkt, den die amtierende Trump-Regierung um das Land herum errichtet hat. Aserbaidschan stellt für Russland eine ähnliche Herausforderung wie die Ukraine dar, da es als unersetzbarer Transitstaat für TRIPP fungiert.
Würde Aserbaidschan mit Russland kooperieren, um sicherzustellen, dass TRIPP nicht für militärische Zwecke missbraucht wird, gäbe es kein Problem; doch Baku hat kein solches Interesse und hat sich stattdessen auf die Seite des Westens geschlagen. Tatsächlich kündigte Präsident Ilham Alijew im vergangenen November an, dass die Streitkräfte seines Landes die Anpassung an NATO-Standards abgeschlossen hätten, und ihre Marine-Drohnen könnten in Krisenszenarien die russische Kaspische Flotte bedrohen, genau wie die der Ukraine derzeit die russische Schwarzmeerflotte bedrohen.
Aserbaidschan ist zudem auf dem besten Weg, seine Wirtschaft weiter in die der EU zu integrieren. Es hilft der Union nicht nur dabei, russische Energie zu ersetzen, sondern wird auch deren Handel mit Zentralasien erleichtern. Zu diesem Zweck kündigte die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, im vergangenen Monat an, dass „wir anstreben werden, bis zu 12 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Investitionen“ in die regionale Logistik entlang des sogenannten „Mittleren Korridors“ zu mobilisieren. All dies zieht die Schlinge der Eindämmung um Russlands Südflanke immer enger.
Der russische Außenminister Sergej Lawrow deutete im vergangenen Monat an, dass seine Landsleute manchmal bis zur Naivität optimistisch seien und zudem dazu neigten, latente Krisen nicht proaktiv anzugehen. Bei allem Respekt gegenüber denjenigen, die für die Formulierung der russischen Politik verantwortlich sind, scheint dies in Bezug auf die Bedrohung, die TRIPP für Russland darstellt, wohl der Fall zu sein. Das soll nicht bedeuten, dass Russland einen Präventivkrieg gegen Aserbaidschan führen sollte, sondern lediglich, dass es sich dringend der von dort ausgehenden Bedrohungen bewusst werden muss.
Mit Blick auf Zukunft ist es aufgrund der faktischen Ausweitung der NATO bis zum Kaspischen Meer auch unvermeidlich, dass sich Russlands Bedrohungswahrnehmung gegenüber Aserbaidschan verschärfen wird. Je früher, desto besser, da Russland noch Zeit hat, Sicherheitsgarantien nach ukrainischem Vorbild vorzuschlagen, um eine weitere Sonderoperation abzuwenden. In diesem Zusammenhang könnte es darum gehen, dass Aserbaidschan russischen Inspektionen der TRIPP-Fracht zustimmt und keine gemeinsamen NATO-Manöver auf seinem Territorium zulässt. Aserbaidschans Präsident Alijew dürfte dem freilich wohl nur dann zustimmen, wenn Putin etwas Druck auf ihn ausübt.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion von Globale Gleichheit wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
Zum Autor: Andrew Korybko ist ein in Moskau lebender US-amerikanischer politischer Analyst, der sich auf die geopolitische Entwicklung sowie insbesondere den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat.